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75 Jahre DIE FURCHE

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75 Jahre DIE FURCHE

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Strömung

Wie finden sich Antworten jenseits des Mainstreams? Wann bringt einen die Strömung voran? Wann wird sie gefährlich? Michael Blume über Verschwörungsmythen, eine diskursive Donaufahrt mit dem Liedermacher Hubert von Goisern, Theresia Heimerl über „Das Unsagbare“, Margit Körbel über antifeministische Frauen und Reinhard Seiß über den Trend zur architektonischen Hässlichkeit.

Koordinaten

Wie ist die Lage? Haben sich die Festlegungen verschoben? Bundespräsident Alexander Van der Bellen im großen FURCHE-Interview, Martin Selmayr über das Verhältnis zwischen Nationalstaaten und EU, Sarah Spiekermann über das Leben nach Corona, Manfred Prisching über die polarisierte Welt, Regina Polak und Rudolf Mitlöhner über Links-Rechts-Verschiebungen und Otto Friedrich über Religionsjournalismus.

Fahrrinnen

Welche Wege sind schiffbar? Welche Passage ist möglich? Gibt es Alternativen? Otto Friedrich bat Muslimin Amina Harambašić und den Juden Yuval Katz-Wilfing zum interreligiösen Gespräch, Daniel Jurjew schreibt über die Möglichkeit ,die Fahrrinnen der Sprache zu wechseln, Khaled Hakami denkt nach über „WEIRD-People“ und Manuela Tomic über Identität als persönliches Versteckspiel.

Untiefen

Was lauert unter dem Wasser? Wo droht man aufzulaufen? Thomas Stangl über Abgründe und Seichtigkeit, Hildegund Keul über das Potenzial der Verwundbarkeit, Vanessa Spanbauer über Nachwirkungen von #BlackLivesMatter, Peter Huemer über (un)verschämten Antisemitismus, ein Porträt eines Seenotretters, Matthias Greuling über Flucht im heimischen Film sowie ein Brief über das Hinnehmen von Brigitte Quint.

Ankerplatz

Welchen Hafen anlaufen? Wo ankern, Ruhe finden? Oliver Tanzer über den Zwiespalt, den Häfen und Ankerplätze auslösen, Erhard Busek über Heimat als innere Anlegestelle, eine Ordensfrau und ein Psychologe im Gespräch über Vertrauen, Katharina Tiwald über den Ankerplatz Schule, Reporter Wolfgang Machreich über Natur und Bewegung als Kraftquelle und Philosoph Martin Poltrum über Geisteswissenschaften als letzte Bastion.

Leuchtfeuer

Was begleitet unterwegs? Welche Visionen locken? Gespräch mit dem Theologen Jürgen Manemann zur Zukunft des Christentums, Tobias Müller über Klima-Lichtblicke, Martin Tauss über den Geist als Gut, Ulrike Guérot über Europa, FURCHE-Herausgeber Wilfried Stadler über ökonomische Weichen, Fritz Hausjell über die Zeitung als Leuchtturm, Quantenphysiker Anton Zeilinger im Interview sowie eine kulturelle Ansage von Brigitte Schwens-Harrant.

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Doris Helmberger ist Chefredakteurin der FURCHE
Doris Helmberger ist Chefredakteurin der FURCHE
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Von Doris Helmberger, Chefredakteurin der FURCHE

Fiebrige geistige Unruhe“: Mit diesen Worten beschrieb der ehemalige Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Kurt Wimmer, in der 60-Jahr-Jubiläumsausgabe dieser Zeitung die besondere Stimmungslage des Jahres 1945. Krieg und eine totalitäre Ideologie hatten „die Hirne verwüstet, Moral zerstört und Humanität vernichtet“, wie es der Publizist und Historiker Friedrich Heer damals empfand. Zugleich gab es „echten Enthusiasmus, Ergriffenheit und den Willen, alle Impulse aufzunehmen, die man erhalten konnte.“

Mitten in dieser Zeit der Unruhe, des Aufbruchs, aber auch und besonders des Mangels wagte der damals bereits 73-jährige Friedrich Funder schier Unmögliches: Der ehemalige Chefredakteur der christlichsozialen Reichspost und Scharfmacher, der durch den „Geist der Lagerstraße“ im Dachau geläutert worden war, gründete ein neues Wochenblatt, eine "kulturpolitische Wochenschrift": die FURCHE.

Erstmals erschienen am 1. Dezember 1945, sollte sie ein Beitrag zum geistigen Wiederaufbau sein, gleichsam eine Furche durch den von Krieg und Verheerung verhärteten Ackerboden ziehen. Ein "hohes geistiges Forum" sollte diese Zeitung werden - getragen vom Geist der Versöhnung. Dass dies gelingen konnte, ging wesentlich auf Friedrich Heer zurück, den Funder 1949 in die FURCHE-Redaktion holte: Dessen Vision vom „Gespräch der Feinde“ sollte seine Zeit und auch diese Zeitung nachhaltig prägen.

Heutige Zumutungen

Heute, 75 Jahre später, klingen die Texte von damals sprachlich oftmals fremd, ja verstörend. Ihr zentraler Gehalt ist aber von bleibender Relevanz – auch und gerade anno 2020, in einem Jahr der Krisen und des chronischen Ausnahmezustands.

Die „fiebrige geistige Unruhe“ von heute ist Folge multipler Zumutungen und Überforderungen: Klimakatastrophe, Terror und ein Virus rütteln am kollektiven Nervenkostüm und an traditionellen Vorstellungen von Freiheit, Autonomie und Demokratie. Befürworter und Gegner politisch dekretierter Maßnahmen stehen einander zunehmend verständnislos, ja feindselig gegenüber. In dieser Situation erhält auch das „Gespräch der Feinde“, die Auseinandersetzung mit dem Fremden, Verstörenden, Abgelehnten, wieder neue Aktualität.

So „unmöglich“ dies oftmals scheint, so „unmöglich“ klingt auch die nunmehr 75-jährige Geschichte dieser Zeitung, die unablässig für das Gespräch, den Dialog und das Aufeinanderzugehen wirbt.

 „Sieben Leben“ habe die FURCHE, heißt es gern, und tatsächlich war diese Zeitung mehr als einmal in ihrer Existenz bedroht. Auch Richtungskämpfe prägten ihre Geschichte: Nachdem man die weltoffene und durchaus auch kirchenkritische Redaktion 1967 wieder „auf Kurs“ bringen wollte, prägte die damalige FURCHE-Redakteurin und spätere ORF-Journalistin Trautl Brandstaller das Bild von der „zugepflügten FURCHE“.

Sie ist freilich wieder aufgebrochen worden – und sie bricht selbst immer wieder auf in neues, ungewisses Terrain: Zuletzt 2019 in die digitale Welt mit einem einzigartigen Projekt, dem FURCHE-Navigator. Der besondere Schatz der FURCHE, ihr Archiv mit zeithistorisch bedeutenden Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren – wurde gehoben, alle Beiträge bis zurück ins Jahr 1945 wurden digitalisiert und mittels künstlicher Intelligenz miteinander in Verbindung gebracht.

Ab Jänner 2021 werden sie in Zehnjahresschritten auf furche.at zugänglich gemacht. Es ist ein technologisch innovativer Weg, dem hohen Anspruch zu entsprechen, den diese Zeitung seit Anbeginn an sich selber stellt: ihren Leserinnen und Lesern Tiefgang und Weitblick zu bieten, in einer komplexen Welt ein wenig Orientierung zu geben und neue Horizonte zu eröffnen.

Nun, mit dieser Sonderausgabe zum 75-Jahr-Jubiläum, greifen wir die Metaphorik des Navigators auf und treiben sie - analog wie digital - nochmals weiter: Die FURCHE wird zur Seekarte und verzeichnet die wesentlichen Koordinaten, Strömungen, Fahrrinnen, Untiefen, Ankerplätze und Leuchtfeuer unserer Zeit.

Den Auftakt markiert ein großes Interview mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Es ist eine österreichische Standortbestimmung, die auf die Illusion von Österreich als „Insel der Seligen“ ebenso eingeht wie auf die Schwierigkeit, dieses Land und seine Politik im Europa von heute kartographisch zu verorten.

Ergänzend zu den weiteren Beiträgen präsentieren wir sechs bedeutende historische Texte aus der FURCHE-Geschichte: vom Essay des Gründers Friedrich Funder bis zu einem literarischen Text der großen Jeannie Ebner. Spannendes gibt es auch aus der Digitalredaktion: Auf dieser Seite finden Sie ausgewählte Geschichten der Jubelnummer multimedial aufbereitet; und auf furche.at/podcast gibt es zu jedem Seekarten-Begriff eine eigene Podcast-Folge.

Werteorientierung und Weltoffenheit

In diesen Podcasts wird den Interviewpartner(inne)n dieser Jubiläumsausgabe eine zentrale Frage gestellt: „Was gibt Ihnen Orientierung?“ Sie führt zurück zu dem, wofür die FURCHE seit 1945 steht: für einen von Werteorientierung und Weltoffenheit geprägten Qualitätsjournalismus – und für das Bemühen um einen wertschätzenden Diskurs in Zeiten der Polarisierung. Intellektuelle Tiefe, diskursive Breite, ein Sensorium für existenzielle Fragen und eine klare Haltung, wenn es um Menschenwürde, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit geht: An diesen – zugegeben anspruchsvollen – Koordinaten richtet sich die FURCHE immer wieder aus.

Die FURCHE, das sind freilich immer die Menschen, die dahinter stehen und die Ansprüche an diese Zeitung hoch halten. Ohne dieses einzigartige Team wäre das „unmögliche“ Projekt FURCHE vollends undenkbar. Mein Dank gilt an dieser Stelle allen, die seit Monaten neben den regulären Ausgaben mit vollem Einsatz an dieser besonderen Jubiläumsnummer arbeiten – analog wie digital.

In besonderer Weise danken möchte ich Nicole Schwarzenbrunner, die als Geschäftsführerin die Idee zum Navigator hatte und die FURCHE mit großer strategischer Weitsicht in die digitale Zukunft steuert. Ebenfalls bedankt seien unsere Herausgeber Heinz Nußbaumer und Wilfried Stadler, die uns wesentlich unterstützen – sowie Markus Mair, der als Vorsitzender der Styria Media Group nachhaltig an das Gelingen dieser Expedition glaubt.

„Fiebrige geistige Unruhe“: Dieses Gefühl von 1945 wird uns noch weiter begleiten. Bleiben Sie gesund – und bleiben Sie an Bord.





Doris Helmberger ist Chefredakteurin der FURCHE
Doris Helmberger ist Chefredakteurin der FURCHE
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Markus Mair ist Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group.
Markus Mair ist Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group.
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Anno 2020. Die Welt scheint in der Dauerkrise. Nicht erst durch Corona oder ein bröckelndes demokratisches Grundverständnis in den USA, nicht erst durch den verheerenden Terroranschlag im Herzen Wiens. Wir stehen alle vor großen Aufgaben, vor wichtigen Fragen, deren Antworten wir noch suchen und finden müssen. Die Gesellschaft ist hin- und hergerissen, mit ihr die Medien.

Denn Presse- und Meinungsvielfalt sind zwei unverzichtbare Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie. Als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit ist sie nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Ergebnis eines langwierigen, widersprüchlichen, zur Zukunft hin offenen Prozesses. Und sie ist schon gar nichts Selbstverständliches, wie wir in diesen Tagen wieder neu erkennen müssen.

Auch anno 2020. Die FURCHE feiert ihr 75-jähriges Bestehen. Das ist einem hervorragenden Team – durch all die Jahre hindurch – zu verdanken, einem nahezu seismografischen Gespür für das, was sonst oft im Verborgenen bleibt: In der FURCHE taucht das auf, was im raschen Mediengeschehen für gewöhnlich untergeht. Die FURCHE kommt unbeirrbar ihrer Aufgabe als unabhängiges Medium in jeder Zeile nach – in Print und Digital, auch im einzigartigen Angebot des Navigators, der uns durch manche komplizierten Diskurse führt, indem er durch die Entwicklung einer gesellschaftlichen Diskussion geleitet, durch die Genese von Begriffen im Laufe der (FURCHE-)Geschichte.

Wir halten heute einen Schatz in unseren Händen. Einen Schatz aus 75 Jahren. Die FURCHE ebnet Wege hin zur persönlichen und gesellschaftlichen Horizonterweiterung. Mit einem Team, dessen vielseitige Kompetenzen gerade in der jüngsten Zeit auch außerhalb der FURCHE und der Styria Media Group ihre zusätzlichen Plattformen finden. Dieser Schatz ist für uns als Styria von großer Bedeutung. Weil wir wissen, wie wertvoll er für die Gesellschaft ist. Weil wir wissen, dass wir damit einen unbestechlichen Beitrag für die Demokratie leisten, Woche für Woche aufs Neue in Print, täglich auf den Social-Media-Kanälen der FURCHE und ständig verfügbar im digitalen Navigator, der uns durch weite Themengebiete führt und die Augen öffnet für neue Zusammenhänge.

Denn eines wird immer bleiben: Das urmenschliche Bedürfnis, zu verstehen und dadurch erst handlungsfähig zu sein. Dazu braucht es verlässliche Information aus seriösen Quellen, die Meinungsvielfalt zulassen und fördern. All das ist natürlich auch gut für eine Medienmarke, gut für die Gesellschaft und unverzichtbar für die Demokratie. Genau das brauchen wir jetzt, vielleicht mehr denn je.

In diesem Sinne: Tauchen Sie ein in die Jubiläumsausgabe und alle weiteren Ausgaben der FURCHE, lassen Sie sich informieren, inspirieren und mitunter auch irritieren! Das tut der eigenen Meinungsbildung gut. Und dem Team der FURCHE von Herzen alles Gute zu diesem Jubiläum und vielen Dank für alles, was ihr leistet – in der Vergangenheit, anno 2020 und in Zukunft! Ihr könnt stolz auf euch sein.


Markus Mair ist Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group.
Markus Mair ist Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group.
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Koordinaten

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Alexander Van der Bellen im Interview

Das Gespräch führten Doris Helmberger und Heinz Nußbaumer.
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Die Zeiten sind ernst. Nichts ist in Stein gemeißelt, schon gar nicht ein Interview mit dem Bundespräsidenten. Statt des lange vereinbarten persönlichen Gesprächs im barocken Ambiente der Hofburg wird es schlussendlich eine Telefonkonferenz zwischen der Wiener Hainburger Straße (wo FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer und Chefredakteurin Doris Helmberger vor Handys und Laptops sitzen) und dem Ballhausplatz (wo Alexander Van der Bellen zum fast barocken Schnurtelefon greift). Hier wie dort sind Fotografen am Werk. Doch der Bundespräsident bleibt hörbar gelassen und aufgeräumt. Für Heinz Nußbaumer ist das Jubiläums-Gespräch eine akustische Heimkehr: Viele Jahre hat der ehemalige Außenpolitik-Chef des Kurier als politischer Berater und Sprecher von Kurt Waldheim sowie Thomas Klestil in der Hofburg gewirkt.

DIE FURCHE: Herr Bundespräsident, vorab ein großes Danke, dass dieses Gespräch trotz aller Umstände zustande kommt...

Alexander Van der Bellen:
 Gerne. Und als allererstes gratuliere ich der FURCHE natürlich zum 75. Geburtstag!

DIE FURCHE: Das freut uns sehr! Wir feiern unser Jubiläum in einer schwierigen Zeit: Krisen allerorten. Wie würden Sie diese Phase im Rückblick auf die letzten 75 Jahre einordnen? Ist sie die traumatischste, die wir seit Kriegsende erlebt haben?

Van der Bellen:
 So weit würde ich nicht gehen. Neu ist, dass insbesondere diese Pandemie, zumindest für die meisten Menschen, völlig unerwartet gekommen ist. Doch wenn man auf die letzten 75 Jahre zurückblickt, dann gab es auch die Kubakrise mit der Gefahr eines Atomkriegs, die Berlinkrise in den 1950er Jahren sowie mehrere kritische Situationen im sogenannten Kalten Krieg. Dazwischen hatten wir auch ruhigere Jahre – und jetzt erleben wir eine Häufung einander verstärkender Krisen.

DIE FURCHE: Dass die Situation ernst ist, zeigt sich aber nicht zuletzt an der Frequenz Ihrer Ansprachen. Sie haben sich zuletzt mehrfach sehr empathisch und ermutigend an die Bevölkerung gewandt. „Wir gehen gemeinsam in diesen Lockdown, und wir kommen gemeinsam auch wieder heraus“, haben Sie gesagt. Wo sehen Sie derzeit die größte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Van der Bellen:
Der Punkt ist, dass wir zwar alle betroffen sind, aber doch sehr unterschiedlich. Die Kinder vermissen ihren Schulalltag und ihre Freunde, die Jugendlichen vermissen ihre Partys, Eltern kämpfen in ihrem Alltag mit Home-Schooling und Home-Office gleichzeitig, ältere Menschen sind oft einsam, weil sie nicht besucht werden können und Unternehmer(innen) fürchten um ihre Existenzen. Angesichts dieser unterschiedlichen Betroffenheiten neigen wir dazu, nur unsere eigenen Probleme zu sehen. Dazu kommt, dass viele – und eben auch ich – zwar an den Zusammenhalt appellieren, aber das gemeinsame Vorgehen gegen das Virus in paradoxer Weise auch bedeutet, körperliche Distanz zu wahren. Das ist völlig neu.
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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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DIE FURCHE: Beim Nachlesen von FURCHE-Interviews mit Ihnen haben Sie mehrfach betont, dass Österreich keine „Insel der Seligen“ sei. Spätestens seit dem Terroranschlag vom 2. November hat sich dieses Insel-Gefühl verflüchtigt. Es gibt Sorge um das Miteinander – insbesondere mit den Muslimen. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt notwendig?

Van der Bellen:
 Notwendig ist auf jeden Fall, keine vereinfachte Erklärung aufzubauen – nach dem Motto: Die Muslime sind an allem schuld. Der Terrorist vom 2. November war zwar Muslim und seine Familie kam ursprünglich aus Nordmazedonien, aber er hat einfach um sich geschossen. Es war ihm egal, wen er trifft, Hauptsache viele. Und unter anderem hat er, wenn man so will, auch einen Landsmann ermordet, auch der hatte Wurzeln in Nordmazedonien und war Muslim. Ich finde, wir haben hier in Österreich eine schöne Tradition im Umgang mit anderen Religionen: Die österreichische Anerkennung des Islam im Jahr 1912 war eine Reaktion auf die Annexion von Bosnien und Herzegowina durch das Habsburgerreich. Diese Maßnahme hat sich bis heute sehr gut bewährt. Was bleibt, sind Integrationsfragen, doch das betrifft alle Zuwanderer. Das hat mit Religion relativ wenig zu tun.

DIE FURCHE: Sie haben also keine besonderen Wünsche oder Erwartungen speziell an die Muslime in Österreich?

Van der Bellen:
 Klar ist, dass sich die Vertretung der Muslime, die IGGÖ, schon mehrfach geäußert hat – aber dass das manchen Leuten immer noch zu wenig ist. Ich erinnere mich auch an die Ausstellung von Bildern von Holocaust-Überlebenden am Wiener Burgring im vorigen Jahr, die eines Nachts beschädigt worden ist. Daraufhin hat es eine Mahnwache gegeben: Es war saukalt und hat geregnet. Und wer hat sich spontan gemeldet? Auch die muslimische Jugend in Wien. Das war eine sehr schöne Geste, die allem widerspricht, was man an Vorurteilen gegen Muslime haben kann.

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DIE FURCHE: Österreich war international geschätzt als Brückenbauer zwischen Kulturen und Religionen. Doch zuletzt wurde viel zurückgebaut – man denke etwa an die Schließung des König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog (KAICIID) oder das Aus für die Österreichische Orient-Gesellschaft Hammer-Purgstall. Verlieren wir unsere verbindende Position?

Van der Bellen:
 Zum KAICIID – hier sehe ich ein Verschulden auf mehreren Seiten. Einerseits wurde, wann immer in Saudi-Arabien etwas mit unseren Menschenrechtsvorstellungen wirklich Unvereinbares geschehen ist – Gerichtsurteile, Auspeitschungen, Hinrichtungen – das KAICIID mitverantwortlich gemacht. Umgekehrt leben solche Organisationen davon, was sie selber kommunizieren. Und die öffentliche Kommunikation des KAICIID war für moderne Erfordernisse zu bescheiden; obwohl man gute Arbeit geleistet hat im interreligiösen Dialog. Dass das alles passiert ist, ist bedauerlich. Andererseits ist Österreich einer der Sitzstaaten der UNO, die OPEC und andere sind hier vertreten, auch das Iran-Abkommen, u.a. mit den USA, wurde in Wien verhandelt. Das ist ein Kapital, auf dem wir aufbauen können.

DIE FURCHE: Zu den USA: Dort befindet man sich gerade im Zustand extremer Polarisierung. Auch in Österreich merkt man diese Spaltung – besonders deutlich wurde sie im Zuge des Bundespräsidentschaftswahlkampfs 2016. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Van der Bellen:
 Präsident Donald Trump hat dieses Phänomen zwar weiter zugespitzt, aber die Entwicklung ist viel älter. Dass vor allem die Republikaner die anderen als Feinde sehen und nicht einfach als Konkurrenten, geht zumindest zehn, 15 Jahre zurück. In Österreich ist das bei Weitem nicht so: Wenn ich mir Wahlplakate aus den 1950er oder 1960er Jahren anschaue, dann geht es heute geradezu friedlich zu. Wir haben in den Bundesländern und im Bund völlig unterschiedliche Regierungskoalitionen – und die Gesprächsbasis ist nach wie vor da. Was wir aber in allen Staaten haben, ist eine zunehmende Affinität zur Komplexitätsreduktion. Vielleicht hat das mit dem Siegeszug der Social Media zu tun. Aber so viel man auch gegen diese Blasenbildung sagen kann, bei der jeder nur noch das zur Kenntnis nimmt, was er eh selber glaubt: Ich selbst hätte die Wahlen 2016 ohne Social Media nicht gewonnen (lacht).

DIE FURCHE: Das ist ein Argument...
Van der Bellen:
 In bestimmten Diktaturen sind die sozialen Medien außerdem genau das Instrument, um die Macht des Diktators oder der oligarchischen Gruppe aufzubrechen. Die Welt ist nun einmal komplex, und sie wird auch so bleiben.
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DIE FURCHE: Aber nochmals zu den USA: Haben Sie das Gefühl, dass der atlantische Graben breiter geworden ist?

Van der Bellen:
 
Ja, und das hat natürlich mit den politischen Sichtweisen von Donald Trump zu tun: America First und so weiter. Aber das ist nicht das Einzige. Man muss sehen, dass sich das außenpolitische Interesse der USA verlagert – von Westeuropa nach Ostasien. Einer der Gründe ist die wirtschaftliche Entwicklung Chinas. Und damit geht die entsprechende militärische Position einher. Das kann der bisherigen Nummer eins nicht ganz egal sein. Insofern steht die transatlantische Zusammenarbeit auf schwächeren Beinen als zur Zeit des Kalten Krieges. Die Frage ist: Wie reagieren wir Europäer darauf?  

DIE FURCHE: Hugo Portisch hat in seinem Buch „Russland und wir“ dafür plädiert, dass wir Russland – bei all seinen menschenrechtlichen Einschränkungen – als Nachbar erkennen sollten.

Van der Bellen:
 
Absolut. Man soll nicht naiv sein, aber vielleicht kann man sagen, dass das Verhältnis Österreich-Russland immer schon eines war, das von manchen NATO-Mitgliedern nicht immer verstanden wurde. Spätestens seit dem Staatsvertrag von 1955 haben es österreichische und russische Politiker verstanden, ein Verhältnis aufrechtzuerhalten, das beiden Seiten nützlich ist. Jetzt verstehe ich natürlich die Sorgen Polens oder baltischer Länder, die eine unmittelbare Grenze zum jetzigen Russland haben. Und die Entwicklung in der Ukraine hat nicht dazu beigetragen, das Verhältnis einfacher zu machen. Nichts destoweniger ist Russland ein weitgehend europäisches Land. Was wäre die europäische Literatur ohne die russische des 19. Jahrhunderts? Daran muss man sich schon auch erinnern. Ich wäre als Erster dabei, wenn eine Normalisierung des Verhältnisses zwischen Russland und der gesamten EU befördert würde. Doch da gehören immer zwei Seiten dazu.

DIE FURCHE: Bruno Kreisky hat eine Kurzformel geprägt: So viel Nähe wie möglich mit Amerika, so wenig Distanz wie möglich zu Russland.

Van der Bellen:
 
Ja, aber wir brauchen auch unser eigenes Selbstbewusstsein in der EU dafür. Wir sind der weltweit größte Wirtschaftsraum, aber wir haben keine gemeinsame Außenpolitik und keine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Insofern darf man sich nicht wundern, wenn aus russischer Sicht die EU nicht immer ernst genommen wird.

DIE FURCHE: Apropos EU: Gerade bei den aktuellen Debatten über Corona-Hilfszahlungen und deren Koppelung an Rechtsstaatlichkeit werden Europas Bruchlinien deutlich – diesfalls zwischen Polen und Ungarn und allen anderen. Wie gefährdet ist die gemeinsame europäische Idee?

Van der Bellen:
 
Zunächst: Die europäische Einigung ist die beste Idee, die wir jemals hatten. Und sie ist nicht selbstverständlich, darauf hat uns dieser unglückselige Brexit 2016 deutlich hingewiesen. Die Union hat mit ihrem 750 Milliarden Euro umfassenden Aufbaufonds „NextGeneration EU“ das größte Investitionspaket ihrer Geschichte auf die Beine gestellt. Was nun Polen und Ungarn betrifft, so würde ich die Nerven bewahren: Die beiden gehören zu den größten Empfängerländern der Union. Dass sie auf diese Gelder verzichten wollen, kann ich mir schwer vorstellen.

DIE FURCHE: Auf die Nerven gegangen ist vielen auch Österreich mit seiner selbstbewussten „frugalen“ Position bei der Verhandlung des Corona-Hilfsfonds. War die Kritik gerechtfertigt?

Van der Bellen:
 Ich war nicht in jedem Augenblick glücklich über die österreichische Position. Man muss aber sehen, wie die Entscheidung im Europäischen Rat abläuft. Dort erwartet man bei jeder größeren Sache Leadership von Deutschland und Frankreich – insbesondere nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs. Gleichzeitig sind alle kleineren Länder nervös, dass über sie drübergefahren wird. Insofern ist es verständlich, dass es auf regionaler Ebene - teilweise auf anderer als bei den frugal four (Schweden, Dänemark, Niederlande und Österreich, Anm.) - Bestrebungen gibt, sich abzusprechen. Und dann spielt plötzlich ein kleiner Block von drei, vier, fünf Ländern eine Rolle, weil man den zwei großen nicht bedingungslos das Leadership überlassen will.

DIE FURCHE: Kommen wir zu einer zentralen Frage hinsichtlich Koordinaten: Was macht Österreich eigentlich aus? Worin besteht seine Corporate Identity?  Wo ist es in Europa zu verorten?

Van der Bellen:
 Also, die Frage nach einer nationalen Identität ist tricky. Einmal hat mich eine Botschafterin aus einem EU-Staat gefragt: „Please, explain Austria to me!“ Und ich habe völlig unvorbereitet geantwortet: „The first thing you have to understand is: Austria is not Germany!“ Man kann schon über Identität spekulieren – im Verhältnis zu anderen, zu den Deutschen oder Italienern. Was uns vielleicht auszeichnet – auch durch den Lauf der Geschichte und den Zwang, mit Sowjetrussen und Amerikanern 1955 zu irgendeiner Lösung zu kommen – ist diese Bereitschaft zum Kompromiss. Das ist nämlich auch etwas typisch Österreichisches. Ich hoffe auch, dass das nicht verloren geht, denn auf den anderen einzugehen, ist eine Stärke und keine Schwäche.

DIE FURCHE: Apropos Illusion: Ihre Lebensthemen als Politiker sind Klimapolitik und Menschenrechte. Beides ist angesichts der aktuellen Ereignisse in den Hintergrund gerückt. Haben Sie sich vorgenommen, sich in diesen Fragen wieder öffentlich zu melden?

Van der Bellen:
 Das sind wirklich zwei große Fragen, die mich seit Jahrzehnten begleiten. Die Klimakrise wird man durch eine Impfung – wie eben bei der Covid-Krise – nicht beseitigen können, sondern die Folgen hängen von unser aller Entscheidungen ab. Wobei ich hier vorsichtig optimistisch bin, weil ich sehe, dass die Wirtschaft vielfach schon weiter ist als die Politik. Das ist überraschend, weil die Klimakrise ja im Wesentlichen ein Phänomen des Marktversagens war und ist. Ich hoffe, dass die Politik entsprechend nachzieht. Und was die allgemeinen Menschenrechte betrifft, so finde ich nach wie vor, dass der Artikel 1 der Erklärung von 1948 das schönste politische „Gedicht“ ist, das jemals geschrieben wurde: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“... Das ist keine Formulierung, die einen Ist-Zustand beschreibt, sondern eine Zukunftshoffnung. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch auf diesem Gebiet weltweit wesentliche Fortschritte machen werden.

DIE FURCHE: Wenn Sie schon von Zukunftshoffnung sprechen: Wo sehen Sie hier den Platz eines Mediums wie der FURCHE?

Van der Bellen:
 Die Situation ist nicht leicht, weil alle Printmedien in Schwierigkeiten stecken. Vor allem wegen des Einbruchs der Werbeeinnahmen aufgrund der digitalen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Andererseits: Haben Sie nicht mit der FURCHE eine Unique Selling Proposition – ein Alleinstellungsmerkmal – in Österreich? Wer kann Ihnen ernsthaft Konkurrenz machen? Das stimmt mich ja wieder optimistisch.

Mitarbeit: Jonatan Gerstbach
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Tandem für Europa

„Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Mit diesem Satz hat der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker davor gewarnt, wohin „stupider Nationalismus“ führen kann, und für ein Miteinander in Europa geworben. Aus heutiger Sicht erscheinen kriegerische Auseinandersetzungen zwischen EU-Staaten utopisch, die EU ist seit mehr als 60 Jahren ein Garant für Frieden zwischen ihren Mitgliedsstaaten. Und dennoch wäre es ein großer Fehler, Europa für selbstverständlich zu nehmen und sich entspannt zurückzulehnen. Wir müssen täglich für Europa kämpfen und jenen, die an seinen Grundfesten rütteln, entschlossen Paroli bieten.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Martin Selmayr.
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Die Krise als Wahrheitsmoment

„Der Winter kommt“ heißt es in der Kultserie „Game of Thrones“ – und mehr denn je kann man diesen Spruch mit der drückenden Unbestimmtheit dieses Corona-Winters in Verbindung bringen. Wir wissen, dass wir uns warm anziehen müssen innerlich, dass wir durchhalten müssen und dass wir noch nicht einmal wissen, was nach diesem Winter sein wird. Wird die Wirtschaft zusammenbrechen? Das Finanzsystem? Wird das Leben danach genau so weitergehen können, wie wir es bisher kannten und mochten?

Weiterlesen: Zum vollständigen Artikel von Sarah Spiekermann-Hoff.
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Polarisierte Welt

Was hält eine Gesellschaft zusammen? Was treibt eine Gesellschaft auseinander? Man mag für Prozesse der Integration und Desintegration, für das Entstehen von Gemeinschafts- oder Fragmentierungsgefühlen verschiedene Gründe namhaft machen – es ist aber unbestritten, dass ein spürbares Auseinanderdriften von sozialen Gruppen die soziale­ Stabilität gefährdet. Polarisierung bedeutet: Wirtschaftliche, soziale, politische, geistige Auseinanderentwicklungen werden wahrgenommen; sie werden mit Interpretationen, Emotionen und Schuldzuweisungen aufgeladen; es entwickeln sich Feindbilder und Ressentiments; letztlich verschlechtert sich die Atmosphäre, die Konstellation nähert sich der Gewaltsamkeit, es laufen bestandswichtige soziale Prozesse aus dem Ruder.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Manfred Prisching.

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Verschobene Koordinaten

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Ja, die Koordinaten haben sich einigermaßen verschoben. Was einst als bürgerliche Mitte galt, sieht sich heute unter Rechtsverdacht gestellt. Während die Linke nicht unerfolgreich versucht hat, den Platz der bürgerlichen Mitte zu usurpieren. Das könnte man nun auf einzelne Themen herunterbrechen – besonders augenfällig wird es bei der Debatte über „Hass (im Netz)“, „Hetze“, „Fake News“ & Co.

Rudolf Mitlöhner
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Ja, auch die österreichische Wertestudie 2017 belegt im Vergleichszeitraum von 30 Jahren eine Verschiebung im Verhältnis zwischen „Links“ und „Rechts“. Allerdings bestätigt der empirische Befund nicht Ihre machttheoretische Deutung, sondern zeigt eine deutliche Polarisierung von linken und rechten Parteisympathisanten. Der Abstand zwischen beiden ist deutlich größer geworden. Und die ÖVP-Sympathisanten sind seit 1990 im Selbstverständnis sogar nach links gerutscht. Überdies vertritt eine Mehrheit der Österreicher rechte Einstellungen, was sich ja auch im Wahlverhalten und der Mehrheit der ÖVP spiegelt. Worauf beruht Ihre Deutung?

Regina Polak
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Vorständin des Instituts für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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In Österreich hat es immer – mit Ausnahme der Jahre 1971 bis 1983 – rechte Mehrheiten gegeben, die nur aus unterschiedlichen Gründen politisch meistens nicht realisiert wurden. Dass die ÖVP-Sympathisanten nach links gerutscht seien, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, ist doch den Wahlerfolgen der ÖVP seit den 1990er Jahren zweimal ein „Rechtsruck“ vorausgegangen – zuerst
unter Schüssel, dann unter Kurz. Im krassen Gegensatz zu dieser strukturellen, ich nenne sie jetzt einmal liberal-konservativen Mehrheit steht jedoch ein link(sliberal)er Mainstream des öffentlichen Diskurses. Woran ich das festmache? Gleich einmal an der von Ihnen genannten Polarisierung:
Diejenigen, die sie beklagen und zu ihrer Überwindung auffordern, meinen meistens nämlich nichts anderes, als dass die hoffnungslos Reaktionären doch bitte endlich aus ihren Löchern hervorkommen und sich dem hell-aufgeklärten Licht des Zeitgeists stellen mögen. (Okay, das war jetzt ein bisschen polemisch, aber die Chefredakteurin hat ja gesagt, es soll nicht fad sein …)

Rudolf Mitlöhner
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Angriffe statt Argumente: Das ist Polarisierung. Aber die Zeiten haben sich tatsächlich geändert, nicht nur der Geist. Man weiß heute, dass Ablehnung soziokultureller Vielfalt, Autoritarismus und soziale Dominanzvorstellungen ein soziales Gefüge beschädigen. Einstellungen, die bei „rechten“, älteren und ruralen Personen empirisch häufiger anzutreffen sind. Als unübersehbar wurde, dass Österreich eine Migrationsgesellschaft ist, wurden sie von der FPÖ aktiviert, dann von der ÖVP übernommen – verkauft als „Mitte“, daher als Linksruck erlebt. Faktisch war der Rechtsruck die Folge, geschuldet einer  migrationsfeindlichen Politik. Ist das Jammern über den linken Mainstream Ausdruck des Rückzugsgefechts eines Milieus, das seinen Hegemonieverlust in einer pluralen Gesellschaft nicht erträgt?

Regina Polak
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ehemaliger FURCHE-Chefredakteur und stellvertretender Innenpolitik-Leiter des Kurier

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Angriffe statt Argumente finde ich auch ganz schlecht. Ich habe nur den Verdacht, dass Argumente, die von „rechts“ kommen, sehr schnell als „Angriffe“ abqualifiziert werden,
während umgekehrt Invektiven der Linken als Ausweis kritischen Denkens gelten. Anders gesagt: Die Begründungspflicht ist zur Rechten deutlich höher, die Maßstäbe, welche an die Argumentation angelegt werden, sind hier um einiges strenger. Um es an einem simplen Beispiel zu verdeutlichen: Wenn einer sagt, die Armen werden immer ärmer, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf, hat er kaum Erklärungsbedarf und wird als kritischer Geist beklatscht. Wer dagegenhalten will, muss schon ziemlich sattelfest sein, um in der öffentlichen Diskurs- oder besser Empörungsarena halbwegs bestehen zu können. Das gilt natürlich gleichermaßen für das von Ihnen angesprochene Migrationsthema wie für alle anderen kontrovers diskutierten Zeitfragen. Auf den Hegemonieverlust komme ich dann später gerne noch zu sprechen.

Rudolf Mitlöhner
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Naja, Sattelfestigkeit beim Argumentieren schadet ja nicht. Im Ernst: Den Empörungshabitus halte auch ich schlecht aus. Aber dem moralischen Zeigefinger entspricht auf der anderen Seite das Ressentiment. Und die kulturellen Höherwertigkeitsvorstellungen, die Migranten im Rekurs auf „unsere christlichen Werte“ entgegenschallen, sind ja auch nicht ganz frei von Empörung, oder? Vor allem: Beklatscht werden für den Einsatz gegen Armut mag wohltuend sein, aber angesichts einer rechten Mehrheit hat das dann ja kaum politische Konsequenzen, vor allem in internationaler Hinsicht, zum Beispiel im Kampf gegen Fluchtursachen. Dabei stimmen gerade mit Blick auf die Armutsfrage beide Positionen. Vor Corona war der Kampf gegen die weltweite Armut durchaus erfolgreich, ein globaler Mittelstand ist entstanden. Aber zugleich wächst auch die Gruppe der Verlierer. Über diese Paradoxien und die damit verbundenen Verteilungsfragen sollten wir viel mehr nachdenken – auch das hängt mit dem Kampf um Hegemonie zusammen.

Regina Polak
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Der moralische Zeigefinger als das Ressentiment der Linken – das gefällt mir eigentlich ganz gut! Von kulturellen
Höherwertigkeitsvorstellungen ist keine Rede, ich glaube nur, dass Europa keine Zukunft haben kann und wird, wenn es sich nicht auf das besinnt, wodurch es wurde, was es ist: ohne falsches Pathos, ohne nostalgische Verklärung, im Bewusstsein aller Brüche – aber eben doch stolz und selbstbewusst. Und dazu gehört auch ein Bekenntnis zur kultur-christlichen Prägung unserer Geschichte (ich weiß, dass für Ihresgleichen „kulturchristlich“ ganz pfui ist …). Ich freue mich, dass Sie einräumen, dass durch wirtschaftliche Dynamik ein globaler Mittelstand entstanden ist. Die Relativierung, es sei dabei auch die Gruppe der Verlierer gewachsen, geht indes meines Erachtens ins Leere. Es gibt keine positive Entwicklung ohne Verlierer. Hätte es keine Verlierer gegeben bzw. geben dürfen, wäre auch kein globaler Mittelstand entstanden. Wenn es keine Verlierer geben darf, verlieren letztlich immer alle. Deswegen funktioniert der Sozialismus nicht.

Rudolf Mitlöhner
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Natürlich gehören die wertvollen Beiträge der christlichen Kirchen zur Zukunft Europas. Was also soll das despektierliche „Ihresgleichen“? Ich denke nicht im Kollektiv. „Bekenntnisse“ gehören in die Glaubenssphäre – und ich glaube an Gott, nicht an die Geschichte. Diese versuche ich, differenziert zu beurteilen, nicht mit „Stolz“. Ich bin dankbar über das positive Erbe, und
verpflichtet, aus dem negativen zu lernen. So verdankt sich Europa auch der selbstkritischen Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsabgrund zweier Weltkriege und der Schoa. Dem Kulturchristentum bin ich durchaus gewogen: Religion gibt es nur inkulturiert, und die Möglichkeit zu verschiedenen Intensitäten der Zugehörigkeit halte ich für menschen- und freiheitsliebend. Wenn eine kulturchristliche Identität allerdings – empirisch belegbar – dazu dient, andere Kulturen oder Religionen pauschal abzuwerten, ist die Grenze des „Christlichen“ überschritten. Jede sich christlich nennende Kultur ist verpflichtet, sich aus dem Geist des Evangeliums zu läutern. Ihre „Gewinner-Verlierer“-Theorie schließt indes vom Sein aufs Sollen und ist eine zynische Ideologie der Sieger, die auf einem agonalen Weltbild beruht (das auch der Marxismus teilt). Sie legitimiert die Neigung zu
Rivalität und Ausschluss und behauptet eine Art „Naturgesetz“. Mit einer christlichen Sicht auf die Geschichte ist das inkompatibel. Eine solche ringt darum, diese Neigung durch Recht und Gerechtigkeit – nicht zuletzt für die Verlierer – zu zähmen. Besteht die Koordinatenverschiebung vielleicht darin, dass jene Stimmen Oberhand gewinnen, die keine Lust mehr haben, sich differenziert mit Leid und Selbstkritik zu konfrontieren und ungestört von Verlierern ihren „Sieg“ auskosten wollen?

Regina Polak
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Fein, diesmal machen Sie mir’s leicht: Gut der ersten Hälfte Ihres Statements kann ich cum grano salis zustimmen – das ist nicht nichts, zumal in Zeiten wie diesen, wie die Chefredakteurin sagen würde. Das „Ihresgleichen“ war nicht despektierlich gemeint – aber wie hätte ich sonst zum Ausdruck bringen sollen, dass ich Leute meine, von denen ich annehme, dass sie in vielerlei Hinsicht ähnlich „ticken“ wie Sie? Ich denke auch nicht in Kollektiven, aber wir können auch nicht nur von Individuen, Einzelfällen etc. sprechen – denn dann führt sich jedwede Kommunikation ad absurdum. Auch diesbezüglich habe ich übrigens den Verdacht, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden, je nachdem, ob Kritik an etwas als politisch korrekt gilt oder nicht. Falls nicht, dann heißt es, man dürfe doch nicht verallgemeinern, müsse differenzieren, genau hinsehen. „Den Islam“ etwa – nur ein Beispiel, wir wollen hier keine Islamdebatte führen – gibt es demnach natürlich nicht. Das stimmt freilich – und stimmt auch wieder nicht. Genauso wie es „den Sozialismus“, „den Buddhismus“, „den Baum“ oder „das Haus“ nicht gibt. Das sind immer Abstraktionen – allerdings notwendige (s. o. „denn dann führt sich …“). Geht es indes darum, vor den Feinden des Guten und des Fortschritts zu warnen (also vor meinesgleichen ;) ), merke ich meistens recht wenig Skrupel, diese als Kollektiv („Rechte“ „Erzkatholische/-konservative“ und dergleichen mehr) zu benennen. Und da bin dann auch ich wieder bei der Koordinatenverschiebung – nein, von „Sieg“ kann da keine Rede sein …

Rudolf Mitlöhner
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Aber Sie wissen doch gar nicht, wie ich „ticke“, oder? Dazu müssen Sie mich als einzigartige Person verstehen lernen wollen. Umgekehrt kann auch ich aufgrund Ihrer öffentlichen Äußerungen zwar ahnen, aber nicht wissen, wie Sie im Detail „ticken“. Um das herauszufinden, braucht es Gespräch und Respekt. Letzteren erkennt man an Stil und Sprache. Und die verrohen im öffentlichen Raum zusehends. Sie aber haben aufgrund meiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe auf mein Denken geschlossen – und das ist eine Vorurteilstruktur. Nun wissen wir seit Gadamer, dass wir ohne Vor-Urteile nicht leben und kommunizieren können. Wir brauchen zur Orientierung, wie Sie richtig sagen, allgemeine Überbegriffe. Aber diese müssen in einer konkreten Situation immer wieder geprüft werden. Ja, mühsam, aber sonst werden Vor-Urteile zu Waffen der Abwertung und Selbstbestätigung. Diesbezüglich sehe ich zwischen links und rechts wenig Unterschied. Ihr Verdacht des Ungleichgewichts irritiert mich, zumal rechte Positionen derzeit ohnedies mehrheitsfähiger sind. Ich wünsche mir, dass wir unsere Dispute nicht wie im Dschungel oder Krieg im Modus von Sieg und Niederlage führen, sondern gemeinsam um das je beste Argument ringen. Und dabei, wie die Jesuiten sagen, „das Argument des Feindes“ zu retten versuchen, das heißt versuchen, die Perspektive des anderen zu verstehen, ohne diese teilen zu müssen. Und dann nicht mit Zugehörigkeits- und Identitätsschablonen, sondern mit Argumenten um Zustimmung werben. Ganz altmodisch.

Regina Polak
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Mein Gott, ja – was soll ich sagen? Ein bissl ist das für mich Haarspalterei, andererseits sagen Sie ja selber „Nun wissen wir seit Gadamer …“ – eben. Also alles in allem finde ich in Ihren Zeilen wenig Anlass zum Widerspruch. Den „Modus von Sieg und Niederlage“ habe allerdings nicht ich eingebracht, sondern Sie hatten zuvor von Leuten gesprochen, die „ungestört von Verlierern ihren ‚Sieg‘ auskosten wollen“. Aber auch das ist nicht so wichtig. Wir müssen zum Punkt kommen (für dieses Mal zumindest ;) ) – und da bin ich Ihnen noch eine Antwort zur Frage des Hegemonieverlusts schuldig, die mir Gelegenheit gibt, einen abschließenden Bogen zum Anfang dieses Gesprächs zu schlagen: Natürlich markiert „1968“ einen Kulturbruch, den man auch als Hegemonieverlust der Konservativen verstehen kann. Aber in vielem ist das Pendel längst wieder
zurückgeschlagen, konservative Werte haben eine Renaissance erlebt; vom Bereich der Ökonomie gar nicht zu reden, wo die Linke überhaupt krachend gescheitert ist. Man könnte also durchaus von einem Verlust linker Deutungshoheit, beginnend mit Mitte der achtziger Jahre, sprechen. Den versucht die Linke im Verbund mit befreundeten Medien (also den meisten Medien – öffentlich-rechtliche Sender, jedenfalls in A und D, an der Spitze) zu kaschieren, indem sie für sich die Position der Mitte reklamiert, womit automatisch die eigentliche bürgerliche Mitte ins rechte Eck abgedrängt wird. Der öffentliche
Diskurs spiegelt das wider, liegt damit aber einigermaßen weit entfernt von tatsächlichen Stimmungslagen – was nicht zuletzt zu einer existenzgefährdenden Vertrauenskrise für klassische Medien geführt hat.

Rudolf Mitlöhner
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Mutige Theorie, fast schon verschwörungstheoretisch. Historiker beschreiben das etwas anders. 1968 war eine
Auseinandersetzung mit Faschismus und Nationalsozialismus. Neben einzelnen gewalttätigen Ausschreitungen sind in der kritischen Auseinandersetzung mit den Anliegen dieser Generation aber vor allem die europäischen Werte entstanden, auf die wir so stolz sind: u. a. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte, insbesondere von Minderheiten. 1989 ist nicht die Linke, sondern der Kommunismus gescheitert. Danach kam es zum Triumphzug eines globalisierten Kapitalismus, dessen v. a. ökologische Schäden auch diesen heute in die Krise bringen. Die neoliberale „Mont Pèlerin Society“ hatte ihre Ideologie vom freien Markt, dem die Staaten zu dienen haben, strategisch erfolgreich, v. a. unter den Konservativen, verbreitet (zuerst Reagan, Thatcher). Das hat tatsächlich zu enormen Werteverschiebungen geführt, allem voran zum Primat ökonomischer über soziale, kulturelle und politische Werte. Auch die europäische Linke ist hier mit ihrem „Dritten Weg“
aufgesprungen und hat anstelle forcierten Einsatzes für Verteilungsgerechtigkeit mit Blick auf ein neu entstehendes Prekariat auf Identitätspolitik und Meritokratie gesetzt. Es kam zum Aufstieg des Rechtspopulismus, der die dabei „Vergessenen“ zu
bedienen behauptet, und zur Übernahme von dessen „Werten“ von konservativer Seite. So hat sich die „Mitte“, die es als solche nie gibt, verschoben. Was jetzt für Sie vielleicht wieder „Haarspalterei“ ist, nenne ich Differenzierung und Präzision in der Begrifflichkeit. Auf der Strecke blieben konservative und linke Werte. Sollte es tatsächlich zu einer Renaissance konservativer Werte kommen, freue ich mich sehr: Skepsis gegenüber großen politischen Versprechen und Vereinheitlichungstendenzen, Geduld gegenüber gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, Anstand und Großzügigkeit im Umgang mit anderen, die Wertschätzung von Recht, das Wissen um die Notwendigkeiten von Eliten im Dienst der Gesellschaft, Mut zur Distanz und der bedachtsame Umgang mit dem politischen Klima. Das wäre doch etwas für uns beide, Herr Mitlöhner, oder?

Regina Polak
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Rudolf Mitlöhner
war von 2001 bis 2008 sowie von 2013 bis 2019 Chefredakteur der FURCHE. Seit September 2019 ist er stellvertretender Innenpolitik-Leiter des Kurier.

Regina Polak
ist Vorständin des Instituts für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Gastkommentatorin der FURCHE.
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Religionsjournalismus

Es gibt im Journalismus notwendige Spezialisierungen. Man findet Innenpolitik- wie Außenpolitikjournalisten, es gibt Journalismus, der sich auf Wirtschaft, Chronik, Kultur, Film etc. fokussiert hat. Gerade in der Corona-Pandemie sieht man etwa, wie wichtig Wissenschaftsjournalismus ist, der einerseits imstande ist, wissenschaftliches Denken und dessen Ergebnisse in eine „populäre“, auch Fachfremden verständliche Sprache zu übersetzen, und der gleichzeitig diese Erkenntnisse und Entwicklungen kundig hinterfragen kann. Der Medienwissenschafter Stephan Russ-Mohl hat in dieser Hinsicht die Berichterstattung zur Pandemie sehr kritisch kommentiert und wiederholt darauf hingewiesen, dass es jedenfalls im deutschen Sprachraum in den Redaktionen viel zu wenig Wissenschaftsjournalisten gibt, die durch eigene thematische Kompetenz die Aussagen von Virologen und anderen Wissenschaftern kritisch beleuchten und sich nicht mit den amtlichen Maßnahmen-Verlautbarungen aufgrund bestimmter wissenschaftlicher Expertise zufriedengeben. Hier geschilderte Anforderung, aber auch der monierte Mangel, gilt analog für die Religion, insofern sie eine öffentliche Sache ist.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Otto Friedrich.
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Strömung

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Verschwörungsmythen

Die Evolution hat uns Menschen mit einem einzigartigen Gehirn ausgestattet. Während unsere nächsten Primaten-Verwandten ihre Jungen dabei lange beschützen müssen, schlugen unsere Vorfahrinnen und Vorfahren einen entscheidend anderen Weg ein: Sie begannen, die Kinder einander anzuvertrauen. Deswegen würde kein kleiner Schimpanse einen Kindergarten, ein Geburtstagsfest oder eine gemeinsame Busfahrt überleben. Wir Menschen mussten sozial werden, um über Jahrhunderttausende hinweg schlauer werden zu können. Die Sprache war schließlich der Durchbruch in größere Gemeinschaften, Kulturen, dann Religionen und neuerdings auch Wissenschaften.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Michael Blume.
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Mit Hubi auf der Donau

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Schifffahrtanlegestelle Linz-Urfahr. Auf 2145 Stromkilometer ankert der Donausbus. Das ist die Distanz von hier nach Sulina, dem letzten Ort am Schwarzen Meer. Das Fährschiff fasst maximal zwölf Personen. Heute dreht Kapitän Markus Luger eine Sonderrunde. An Bord geht Hubert Achleitner. In den kommenden Stunden wird er mit der FURCHE über Strömungen sprechen und über sein Bestreben gegen den Strom zu schwimmen. Wo ließe sich darüber besser philosophieren, als auf einer Flussfahrt auf der Donau?

Das Wechselspiel zwischen Aufbruch, Unterwegssein und Ankommen prägt Achleitner seit Jahrzehnten. Metaphorisch wie im Wortsinn. Es gehört zu Achleitners Leben wie die Musik. Der 68-Jährige kommt auf direktem Weg aus Goisern. Ein Familientreffen, sein Bruder hatte Geburtstag. Bad Goisern. 100 Kilometer Luftlinie trennen den Ankerplatz des Donaubus' von dem Kurort. Der Künstler selbst lebt seit fast 30 Jahren in der Stadt Salzburg, wenngleich er Goisern nie hinter sich gelassen hat. Wie auch, bei diesem Künstlernamen - der alles andere ist, als Zufall. „Hubert von Goisern war ein Racheakt“, sagt er. Dann bittet er den Kapitän Kurs zu nehmen in Richtung Industriehafen. Flussabwärts. Zu Tal. Das Kamingespräch will er langsam angehen lassen.
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Zunächst gilt es die Stadt auf sich wirken zu lassen – sich mit der Strömung treiben lassen , bevor die Protagonisten auf den anderen Bug gehen.

Der Wortwechsel nimmt Kurs auf Achleitners Konzertschifffahrt. Die Linz-Europa-Tour von 2007 bis 2009 inklusive Überwinterung. Ein schwimmendes Festival und Achleitners bisher größtes Projekt. Eine mit hydraulischer Bühne ausgestattete Barge samt Schub- und Wohnschiff, war zwei Sommer lang Plattform für Begegnungen und gemeinsames Musizieren. 2007 ging es die Donau rauf und runter. Zunächst stromabwärts. Bis zum Schwarzen Meer. Dann wieder zurück. Im Frühjahr 2008 brachte er seine musikalische Fracht schließlich gen Westen. Bis zur Nordsee nach Rotterdam. An Bord holte er lokale Künstler, probte mit ihnen, gab kostenlose Konzerte vom Schiff aus. Seine Botschaft lautete: Brücken bauen Menschen verbinden.

Wie lässt sich sein Verhältnis zur Donau beschreiben? „Sie verbindet uns mit den Meeren und damit der ganzen Welt. Die Donau war für mich immer eine Lebensader. Die Donau durchfließt und verbindet zehn Länder miteinander, so viel wie kein anderer Strom auf der Erde. Den Rhein hingegen habe ich eher als Trennlinie erlebt.“ 2008, als er mit seinem Konzertschiff stromaufwärts fuhr, legte er eine Strecke auf dem Rhein zurück. Dabei erlebte er hautnah europäische Animositäten, nicht nur zwischen Deutschen und Franzosen. In seiner Wahrnehmung, so Achleitner, empfand er die als gravierender, als die Differenzen innerhalb der osteuropäischen Bevölkerungen.
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Zu Berg

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Rondo. Nach einer Runde durch den Hafen leitet der Kapitän das Wendemanöver ein. Ab jetzt geht es zu Berg. Gegen den Strom. Ist das stimmig für den Volksmusik-Revoluzzer?

Achleitner hat sich mehr als einmal gegen den Mainstream aufgelehnt. Sich bedenkenlos anzupassen, das ist ihm zuwider. Schon als Bub beleuchtet er festgefahrene Glaubenssätze kritisch. „Viele Erwachsene haben gemeint, sie kennen die letzte Wahrheit. Das habe ich hinterfragt. Natürlich bin ich damit oft angeeckt.“ Mit seinen kontroversen und antitraditionellen Meinungen hält er später auch in der örtlichen Blasmusikkapelle nicht hinterm Berg. Die Folge: Rauswurf.

Seine Leidenschaft zur Musik bleibt dennoch ungebremst. Achleitner trachtet vielmehr nach einer Karriere als Berufsmusiker. Den Eltern fehlt dafür das Verständnis, allen voran dem Vater. „Der bestand darauf, dass ich einen ordentlichen Beruf lerne. Lehrer zum Beispiel.“ Am Ende lässt sich Achleitner auf eine Ausbildung zum Chemielaboraten ein.

Er ist 20 Jahre alt, als er merkt, dass ihm nicht nur Bad Goisern, sondern auch Österreich zu eng wird. Gesellschaftlich wie kulturell. So sagt er sich von der Heimat los und geht nach Südafrika. Vier Jahre bleibt er dort, lässt sich von den hiesigen Rhythmen inspirieren und engagiert sich gegen die Apartheid. Danach folgen Stationen in Kanada und den Philippinen. Überall knüpft er Kontakte zu Gleichgesinnten, lässt sich auf exotische Instrumentalgenres ein. Erst dann kehrt er zurück - um die heimische Volksmusikwelt auf den Kopf zu stellen.

Mit dem Album „Aufgeigen statt niederschiassen“ und Liedern wie „Heast as nit“ oder „Koa Hiatamadl“ gelingt Goisern 1992 der Durchbruch. Es folgten musikalische Projekte über und über. Dazwischen sucht Achleitner immer wieder den Perspektivenwechsel, reist etwa zu Verhaltensforscherin Jane Goodall nach Afrika oder nach Tibet. „Wenn man die Strömung falsch einschätzt, kann es sein, dass man baden geht. Das ist mir immer wieder passiert. Trotzdem weiß keiner außer dir selbst, wo du hinwillst. Das kann dir keiner abnehmen“, sagt er.

Gegen den Strom schwimmen bedeutete langsamer vorankommen – dafür aber genauer hinsehen zu können.
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Hubert Achleitner blickt aufs Wasser, scheint gedankenversunken. Das Donauufer mit seinen sanft abfallenden Hängen zieht vorbei. Die Blätter der Laubbäume leuchten gelb, rot, orange. Die Sonne steht tief. Es ist einer der letzten Herbsttage. Schweigen. Dann bricht es der Musiker. Das Sprachbild des Kapitäns stimmt ihn nachdenklich. „Mit dem Strom gehen heißt, an Niveau zu verlieren. Gegen den Strom gehen heißt, an Höhe, an Niveau zu gewinnen. Das kann man auch metaphorisch sehen.“

Gesellschaftskritik übt der Musiker seit jeher in seinen Liedern. Auch im aktuellen Album „Zeichen und Zeiten“, mit dem er coronabedingt nicht auf Tour gehen kann. Wohin strömen wir derzeit Achleitners Ansicht nach? Und sieht er die Richtung problematisch?

Er betont den Populismus, der sich Bahn bricht, spricht den Bundeskanzler an. Nach Meinung des Musikers spielten für diesen Ideale kaum eine Rolle, stattdessen basierten seine Werte auf populistischem Kalkül. Stichwort Flüchtlingspolitik. Wie erklärt er sich, dass Sebastian Kurz bei den Österreichern auf großen Zuspruch stößt? Warum unterstützt ihn der Mainstream? „Weil die Leute glauben, er ist der Weihnachtsmann!“.

Die Stimme des Liedermachers wird lauter. Die Inszenierung der Türkisen, der Hype um die Person Kurz, dessen Auftreten – das alles mutete fast esoterisch an. „Ich habe generell etwas gegen Esoterik, dieses vorgeben: zu einem inneren, wissenden Kreis zu gehören, während der Rest der Menschheit angeblich im Dunkeln tappt.“ Stattdessen spielt der Glaube, das Christ sein eine gewichtige Rolle im Leben des Künstlers. Auch dieses Bekenntnis ist ein Beispiel für sein Bestreben gegen den Strom zu schwimmen. Im Unterschied zu den meisten Goiserern war Achleitners Herkunftsfamilie nicht religiös. Nur die Großmutter hätte gebetet. „Wenn sie das getan hat, dann war da eine ganz besondere Stimmung im Raum. An dieser habe ich angeknüpft.“

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Hubert Achleitner
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Die Pandemie, Terror, antidemokratische Bewegungen in den USA - der Weltmusiker sieht in globalen Krisen auch die Chance, zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Menschheit hätte sich reglementiert, nun gilt es die selbst gesetzten Regeln zu überprüfen. Viele gehörten neu überdacht. „Wir müssen einfach nur schauen, dass wir nicht kollidieren. Ich glaube auch, dass gewisse Entwicklungen eine Art Zensur sein werden.“ Die Politik sieht er von der Wirtschaft entmündigt, weil internationale Konzerne außerhalb nationaler Spielregeln agieren dürfen. Für eine gefährlich hält Achleitner indes Internetmedien, weil sich durch sie Falschmeldungen fast ungehindert verbreiten können.

Fürchtet er um das Wohl künftiger Generationen? „Ich sorge mich nicht um die Jungen, eher um die älteren Leute, die mit dem Medium nicht aufgewachsen sind. Für die meisten Falschmeldungen sind über 60-Jährige verantwortlich“.


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Kehrwasser

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Das Kehrwasser als Ort zum Innehalten im Kampf gegen die Strömung. Erneut macht Achleitner eine zweite Bedeutungsebene auf. Der Mensch an sich, egal wie sehr er sich gegen etwas aufbäumt, würde letztendlich immer wieder sein Kehrwasser brauchen. Auch Rebellen wie er. „Das gibt einem Regenerationszeit.“ Worin besteht der Unterschied zum Ankerplatz? Dass das Kehrwasser keine ultimative Sicherheit gibt, man nirgendwo angebunden ist. Ist man frei und doch geschützt? Nur scheinbar. Denn auch im Kehrwasser gibt es Strömungswechsel. Und die könnten einen - so erklärt der Kapitän, während er den Motor wieder einschaltet - ganz schnell wieder hinaustragen aus der Komfortzone.

Der Donaubus nimmt an Fahrt auf. Das Ziel ist der Ausgangspunkt. Das Schiff legt an. Wohin wird Hubert Achleitners nächste Reise gehen? Er weiß es nicht. Wer weiß das schon in Coronazeiten. Visionen hat er schon, sagt er. Aber über die spricht er ungern. Nur so viel, er will sein nächstes Projekt diametral zum vergangenen anlegen. Er hat die Maxime immer wieder mit den eigenen Traditionen zu brechen. „Denn auch die eigene, innere Strömung muss man im Auge behalten.“ Dieser gelte es stets aufs Neue die Stirn zu bieten.
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Das Unsagbare

Eine Cousine meines Vaters ging in den 1920er Jahren in die Familiengeschichte mit folgendem Ereignis ein: Ihre Eltern wurden in die katholische Privatschule in Wien gerufen, welche das Mädchen im Kindesalter besuchte. Die Leiterin, eine Ordensschwester, konfrontierte die Erziehungsberechtigten mit dem schockierenden Verhalten der Tochter: „Ich traue es mich fast nicht zu sagen. Sie hat das Wort ‚Popo‘ in den Mund genommen.“ Die Elevin mit artiger Samtschleife im Haar (als die ich sie aus alten Fotos kenne) hatte das Unsagbare gesagt.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Theresia Heimerl.
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Antifeministische Frauen

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„Weiblich, jung, … traditionell?“, lautet der Titel des achtminütigen Videos, mit dem die Biologiestudentin Freya ihren Channel „Freya Rosi“ auf YouTube vorstellt. Über die Videoplattform und andere Social-Media-Kanäle informiert sie ihre Abonnentinnen und Abonnenten über das von ihr angestrebte Lebenskonzept einer „traditionellen Frau“: Früh heiraten, viele Kinder bekommen, Traditionen bewahren, Weiblichkeit leben und nicht zuletzt: das biologisch gegebene Geschlechterverhältnis aufrechterhalten.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Margit Körbel.
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Das Gespräch führte Margit Körbel. 
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Judith Goetz ist Genderforscherin, Politikwissenschafterin und Rechtsextremismusexpertin.
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DIE FURCHE: Ganz banal gefragt: Sollte man als Frau Feministin sein?
Judith Goetz: Feministin zu sein sollte niemals ein Zwang sein oder irgendjemandem aufoktroyiert werden. Aber natürlich ergeben sich aus der gesellschaftlichen Utopie, die Feminismus anstrebt, zahlreiche Vorteile. Es geht um ein Gesellschaftskonzept, in dem weniger Benachteiligung, Diskriminierung und Ausbeutung besteht, Ressourcen und Privilegien besser verteilt sind, es weniger Armut gibt, weniger einengende Geschlechterrollen, und Menschen wirklich entscheiden können, welches Lebenskonzept sie anstreben, wen sie lieben und in welchen Konzeptionen sie zusammenleben wollen.

DIE FURCHE: Warum schafft es der Feminismus dann nicht, mehr Menschen von sich zu überzeugen? 
Goetz: Das hat sehr unterschiedliche Gründe. Jüngere Menschen sind bereits mit vielen Errungenschaften aufgewachsen und sehen gar nicht mehr die Notwendigkeit, diese zu verteidigen. Es fehlt schlichtweg das Wissen, dass manche Dinge erst vor wenigen Jahrzehnten erreicht worden sind. Zum Beispiel die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe oder die Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbrüchen. Gleichzeitig leben wir gerade in einer Krisensituation, die junge Menschen die Zumutungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnungen stark spüren lässt: Man muss sich am Arbeitsmarkt behaupten, sich durchsetzen, dem Bild einer erfolgreichen Karrierefrau entsprechen.

Studien zu Jugendwerten zeigen, dass viele Jugendliche verstärkt wertkonservativ werden, um aus dieser Situation einen Ausweg zu finden. Dazu zählen auch vermeintlich bewährte, gesellschaftliche Ordnungskonzepte, wie die Kleinfamilie beziehungsweise das Modell des Familienernährers. Die Konsequenzen und Abhängigkeitsverhältnisse, die daraus entstehen, werden jedoch nicht so stark wahrgenommen, sondern zeigen sich ganz oft erst zu einem späteren Zeitpunkt. Wenn etwa Beziehungen in die Brüche gehen, stehen viele Frauen, die auf dieses Modell gesetzt haben, vor dem Nichts.


Judith Goetz ist Genderforscherin, Politikwissenschafterin und Rechtsextremismusexpertin.
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"Ich sehe mich nicht als Feministin, sondern eher als Nutznießerin der Frauen, die kämpfen und Dinge durchgesetzt haben. Die Anliegen des Feminismus gehen dem ein oder anderen womöglich zu weit, aber ich finde, das muss man aushalten oder sich zumindest damit auseinandersetzen."
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DIE FURCHE: Oft scheint eine falsche Vorstellung davon zu bestehen, was Feminismus bedeutet. Braucht es hier eine Änderung in der Kommunikation, um alle Betroffenen zu erreichen?
Goetz: Ein Problem von aktuellen feministischen Kontexten ist die starke universitäre Verankerung. Bestimmte feministische Spektren haben den Anschluss zur gesellschaftlichen Realität von, überspitzt gesagt, „normalen Frauen“ ein Stück weit verloren, weil sie sich in stark identitätspolitischen Konzepten wiederfinden. Es geht dabei um sprachphilosophische Fragen, Subjektpositionen oder das Ausverhandeln von Bezeichnungen – wer ist jetzt mit welchem Begriff genau gemeint?

Ich möchte diese Kämpfe nicht delegitimieren, ich glaube aber, es ist wichtig, sie in eine Sprache zu übersetzen, die andere Menschen verstehen. Die dahinterstehenden Anliegen sollten nicht als spezielle akademische Projekte erscheinen, sondern als zentrale Kämpfe, die zu weniger Diskriminierung für alle führen sollen. Heute ist ein sehr falsches Bild von Feminismus präsent, das vermittelt, dass Feministinnen alles Mögliche verbieten wollen. Dabei wird genau das Gegenteil angestrebt. Es geht um eine Pluralisierung, ein Mehr an Möglichkeiten und nicht um ein Weniger.

DIE FURCHE: Die aktuelle Frauenministerin, Susanne Raab, ist keine Feministin: Welchen Einfluss haben Politikerinnen auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Feminismus?
Goetz: Grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass sich auch in der parteipolitischen Landschaft, in der Regierung oder bei Funktionsträgerinnen wichtiger politischer Ämter eine große Pluralität und Vielfalt finden lässt. Es braucht unterschiedliche Vorbilder für unterschiedliche Personen, die in dieser Gesellschaft leben – auch für konservative oder rechtskonservative Kreise. Aber für das Projekt Feminismus ist es nicht unbedingt von Vorteil, wenn Personen wie Susanne Raab Sexismus in der Arbeits- und Berufswelt leugnen, herunterspielen oder frauenpolitische Anliegen ethnisieren, also patriarchale Strukturen externalisieren und allein zugewanderten Menschen zuschreiben. Damit wird ein stark antifeministischer Diskurs befördert und feministische Kämpfe delegitimiert.
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DIE FURCHE feiert 75 Jahre! Aus diesem Anlass können Sie diesen Text kostenlos lesen. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt. Damit unterstützen Sie die nächsten 75 FURCHE-Jahre!
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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"Ich bin weder feministisch noch anti-feministisch. Manches finde ich gut, oft wird jedoch sehr aggressiv vorgegangen. Zum Beispiel bei der Frauenquote: Wird in meinem Beruf eine Stelle ausgeschrieben, muss eine Frau eingeladen werden, auch wenn sich gar keine bewirbt. Für Männer gilt das jedoch nicht. Das ist für mich keine Gleichberechtigung."
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DIE FURCHE: Im Antifeminismus wird oft mit Familienfeindlichkeit argumentiert. Wie kommt das?
Goetz: Dem Feminismus wird vorgeworfen, familienfeindlich zu sein, da einerseits Frauen nun auch Karriere machen und nicht mehr so stark Familien gründen und Kinder kriegen wollen. Andererseits, weil durch feministische Errungenschaften wie Scheidung Familien zerstört werden würden. Im Antifeminismus ist der Familienbegriff die Klammer für sehr viele unterschiedliche Spektren: Männerrechtler wollen sozusagen die männliche Dominanz als Familienoberhaupt fortsetzen, für christliche Antifeministinnen ist die Familie die von der göttlichen Ordnung gewollte Institution und für Rechtsextreme ist die Familie deswegen zentral, weil sie den Fortbestand der Volksgemeinschaft sichert und das kleinste Element davon ist.

DIE FURCHE:
 Stichwort Rechtsextremismus: Warum werden Frauen von einer Politik angesprochen, die nicht auf deren Förderung ausgerichtet ist, sondern auf deren Benachteiligung aufbaut?
Goetz: Ähnlich wie bei Männern, sind es bei Frauen der Nationalismus, Rassismus oder Antisemitismus, die sie überzeugen, sich einer solchen Szene anzuschließen. Für rechte Frauen haben diese Ideologien einen bestimmten Anreiz, nämlich einen Machtgewinn durch Selbsterhöhung. Das heißt, dass Frauen – selbst wenn sie in der Gesellschaft und in der eigenen Wir-Gruppe Unterdrückung erfahren – trotzdem immer noch Angehörige der Dominanzgesellschaft sind und damit bessergestellt als beispielsweise migrantische Männer. Hinzu kommt die Externalisierung von sexualisierter Gewalt: Indem in diesen rechten Ideologien stets im Vordergrund steht, dass sexualisierte Gewalt ausschließlich von zugewanderten Männern ausgeht, muss ich mich nicht damit auseinandersetzen, dass potentiell mein Bruder, mein Vater, mein Ehemann genauso Gewalttäter sein können. Das entlastet einerseits von den eigenen Ängsten, aber auch davon, mit den Männern im eigenen Umfeld in Konflikt zu gehen.

DIE FURCHE:
 Auch in rechten Kreisen findet man eine Art völkischen Feminismus. Inwiefern kommt es hier zu einer Umdeutung von Feminismus und Antifeminismus?
Goetz: Dass Antifeminismus als wahrer Feminismus verkauft wird, würde ich aktuell als das zentralste Narrativ im rechten Diskurs ausmachen. Einerseits werden dabei feministische Kämpfe historisiert: Kämpfe für bestimmte Frauenrechte hätten schon ihre Legitimität gehabt, wie zum Beispiel das Frauenwahlrecht, jetzt würden wir aber in einer Gesellschaft leben, in der Männer und Frauen komplett gleichgestellt sind und heutige Feministinnen Männerhass verbreiten würden und so weiter. Zusätzlich wird dann die Bedrohung von außen konstruiert: Zugewanderte Personen würden das Patriarchat aufs Neue importieren und Frauenrechte, die wir schon längst erreicht haben, wieder infrage stellen. So schafft es die extreme Rechte, antifeministische Positionen zu vertreten und sie trotzdem im Sinne von Frauenrechten zu verkaufen.
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"Ich habe nicht wirklich Bezug zu Feminismus. Gleichberechtigung schießt mir in den Kopf. Da gehört bestimmt noch etwas getan. Frauen sind nun nicht mehr nur zuhause, sondern auch im Berufsleben, wo sie teilweise weniger Geld für dieselbe Arbeit bekommen."
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DIE FURCHE: Die vor allem in Großbritannien vertretene Bewegungen der "Tradwives" propagiert die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter, die unter anderem nach „traditioneller“ Art die Bedürfnisse des Mannes an oberster Stelle sieht. Auch im deutschsprachigen Raum erfahren diese Frauen viel Kritik. Welche Gefahr steckt in diesem Lebenskonzept?
Goetz: Ein Problem im Diskurs rund um die Tradwives liegt darin, dass immer wieder in den Vordergrund gestellt wird, dass es Privatangelegenheit sei, wofür sich diese Frauen entscheiden. Und da muss man wirklich den Slogan der zweiten Frauenbewegung hervorholen: „Das Private ist politisch.“ Letztlich vertreten und propagieren diese Frauen eine Ideologie, die Auswirkungen auf andere Frauen hat. Denn sie stellen ganz zentrale gesellschaftliche Errungenschaften infrage, wie beispielsweise Kindergärten, Ganztagsschulen oder Jugendämter. Also gesellschaftliche Institutionen, die dafür sorgen, dass es sowohl einen Schutz gibt für Frauen in Familien als auch die Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, ein Leben zu führen, in dem es zusätzlich eine Fürsorge gibt, die darauf achtet, dass sie in der Familie nicht benachteiligt werden oder schlimmen Erfahrungen ausgesetzt sind.

Außerdem werden gesellschaftlich normierte Rollen propagiert, die man sich erst einmal leisten können muss. Viele Familien sind auf das Einkommen von zwei Personen angewiesen. Es ist also ein sehr abgehobener Diskurs privilegierter Schichten, der letztendlich zur Konsequenz hat, dass andere gesellschaftliche Konzepte, wie man Familie oder Partnerschaft gestalten möchte, delegitimiert werden und damit auch ganz klar der antifeministische Backlash, den wir gerade erleben, vorangetrieben wird.
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DIE FURCHE: Wie sehr hat das Internet Feminismus und Antifeminismus beeinflusst? Der Begriff „Netzfeministinnen“ wird zum Beispiel oft im negativen Kontext verwendet.
Goetz: Das Internet bringt, wie für viele andere gesellschaftliche Bereiche, auch für den Feminismus viele Vor- und Nachteile. Die Vorteile sind auf jeden Fall, dass Informationen einfacher zugänglich sind, es einfacher ist, globale feministische Kämpfe miteinander zu vernetzen, Einblick in die Welt von Frauen und anderen Gendern weltweit zu bekommen und Kontakte herzustellen. Der Nachteil ist, dass sich viele Frauen lieber online als offline in feministischen Kämpfen engagieren. Damit möchte ich nicht absprechen, dass das Internet nicht auch ein wichtiges Kampffeld ist, aber es handelt sich hier trotzdem auch um eine Parallelrealität und diese geht einfach an den Herausforderungen, mit denen andere Frauen konfrontiert sind, teilweise vorbei.

Das ist auch der Grund, warum der Begriff „Netzfeministin“ von manchen kritisch oder negativ bewertet wird. Ein weiterer Nachteil ist, dass neue Formen der Diskriminierung entstanden sind, also das, was wir im weitesten Sinne als Hate Speech verstehen. Das trifft vor allem Frauen und andere geschlechtliche Identitäten, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen oder cis-männlich sind.

DIE FURCHE: Im Darknet entstehen auch besonders besorgniserregende Phänomene wie Incel-Communities. Was hat es damit auf sich?
Incel-Communities sind unfreiwillig zölibatäre Männer, die es nicht schaffen, eine Partnerin zu finden oder Sex zu haben. Ausgehend von ihrer männlichen Position meinen sie aber, sie hätten das Recht darauf. Diese Communities entwickeln einen regelrechten Hass auf Feministinnen – die sie als Ursache des Problems sehen – was in den letzten Jahren tatsächlich zu Ermordungen von Frauen geführt hat.
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"Feminismus sollte für alle jungen und alten Menschen – egal welchen Geschlechts – wichtig sein. Man muss weiter für die Rechte der Frauen kämpfen und es darf auf keinen Fall zu solch eingreifenden Rückschlägen kommen, wie sie etwa gerade in Polen mit der Verschärfung des Abtreibungsverbotes vor sich gehen. Dass es diese Entwicklungen im 21. Jahrhundert gibt, ist erschreckend und macht mich sprachlos."
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DIE FURCHE: Welche Botschaft haben Sie an Menschen, die sich unsicher sind, wie sie mit der Komplexität des Feminismus umgehen sollen?
Goetz: Ich glaube, dass Feminismus als Projekt wirklich etwas ist, das alle Frauen dabei unterstützen kann, zu einem erfüllteren Leben zu kommen. Einerseits weil er ganz viele verbindende Momente hat, man nicht alleine ist, Solidarität erfährt und Unterstützung bekommt, wenn man Ausgrenzung, Sexismus oder Diskriminierung erlebt. Dass es viele Einrichtungen gibt, die sich genau dafür engagieren, dass diese Dinge nicht mehr passieren sollen, aber wenn sie doch passiert sind, Unterstützung und Hilfe anbieten. Das ist einfach etwas sehr Empowerndes, wenn man weiß, man muss diese Kämpfe nicht alleine ausfechten, sondern man kann sie ein Stück weit gemeinsam gehen. Das heißt nicht, dass man in allen gesellschaftlichen Fragen einig sein oder sich eine bestimmte Ideologie aneignen muss, in der es für alles eine klare Antwort gibt. Sondern das bedeutet einfach nur, dass man anerkennt, dass in dieser Gesellschaft vieles noch nicht so ist, wie es sein sollte, und dass man an diesen Fundamenten gemeinsam rüttelt und dazu beiträgt, dass wir alle ein besseres Leben führen können.
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Bau-Kulturnation Österreich?

Das, worauf wir Österreicher allem voran stolz sind, ist – so heißt es – die Landschaft. Wobei sich die Frage stellt, warum wir dann so sorglos wie kaum eine andere Nation damit umgehen. Zersiedlung und Versiegelung bedeuten einen ebensolchen Raubbau an ihr wie die Zerschneidung durch hochrangige Verkehrs- und Infrastrukturbänder, die unsensible Errichtung von zwar klimagerechten, aber alles andere als landschaftsgerechten „Windparks“, „Solarfeldern“ und Wasserkraftwerken – oder die uns schon längst zur Gewohnheit gewordene Verschandelung durch einfallslose Lärmschutzwände, allgegenwärtige Plakatwände und großmaßstäbliche Werbesignets des Einzelhandels.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Reinhard Seiß.
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Fahrrinnen

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Der mögliche Dialog

Auch wenn das Verhältnis der Religionen untereinander sich in den letzten 50 Jahren in vielen Bereichen verbessert hat, bleibt viel zu tun. Eine Fahrrinne in die Zukunft könnte der nachhaltige interreligiöse Dialog sein. Im – christlichen – Europa sind diesbezügliche Anstrengungen zwischen Christen und Juden sowie Christen und Muslimen durchaus sichtbar. Wie aber steht es mit dem Gespräch zwischen Juden und Muslimen? Die FURCHE bat die Muslimin Amina Harambašić und den Juden Yuval Katz-Wilfing zum Gespräch.

Weiterlesen: Zum vollständigen Interview mit Amina Harambašić und Yuval Katz-Wilfing.
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Fahrrinnen der Sprache: Übersetzen

Als der Schutzpatron der Übersetzer, der Hl. Hieronymus, sich einmal Vorwürfen gegen sein Übersetzen ausgesetzt sah, schrieb er seinem Freund Pammachius darüber einen scharfzüngigen Brief. In diesem wies er unter anderem auf die Unterschiede zwischen Sprachen hin, die Ausdrücke unterschiedlich wirken lassen, und entlarvte so den Unsinn der Idee der „wörtlichen“ Übersetzung. Berühmt wurde seine Forderung, nicht „Wort um Wort zu übertragen; aber den Geist der Worte“. Er schrieb – offenbar in der Hoffnung, der Brief würde auch seine Gegner erreichen – herrlich sarkastisch.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Daniel Jurjew.
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Auch Wissenschaft funktioniert heutzutage nur über gutes Marketing. Hätte der US-Anthropologe Joseph Henrich für sein Konzept nicht ein eingängiges Akronym gefunden, wäre wohl auch dieses in der Versenkung verschwunden. Doch so haben die „WEIRD-People“ die Wissenschaft der modernen Psychologie erschüttert – wenn auch nur für einen kurzen Moment. „WEIRD­-People“, das sind – vereinfacht ausgedrückt – wir: westlich („Western“), gebildet („Educated“), indus­trialisiert („Industrialized“), relativ wohlhabend („Rich“) und demokratisch geprägt („Democratic“). Und die elegante Botschaft, die durch die Wortbedeutung transportiert wird, ist ebenso simpel: Wir sind sonderbar, oder um es noch deutlicher auszudrücken: Es waren und sind nicht ­alle Menschen so wie wir. Doch das ist nur die Oberfläche.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Khaled Hakami.
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Als meine Mutter mit meiner Schwester und mir 1992 in den Bus stieg, dachte sie nicht an Flucht oder Vertreibung oder gar Krieg. Sie dachte an den Geburtstag unserer Großmutter. Kurz bevor wir uns auf den Weg von einer kleinen Stadt im ehemaligen Jugoslawien nach Kärnten zu unserem Gastarbeiter-Onkel machten, hatte ­Mutter für das Fest eingekauft. Oblaten, Kraut, ein Huhn, Eier, Zucker, Bier und Wein. Der Plan war, dass wir für kurze Zeit wegfahren, wie auf Urlaub, und pünktlich zu Großmutters Geburtstag wiederkommen. Nur kurz, nur zur Sicherheit. Mutter verließ ihre Wohnung, der Kühlschrank blieb voll. Dass sie diese Wohnung nie wieder betreten würde, daran dachte Mutter nicht.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Manuela Tomic.

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Untiefen

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Untiefen und Literatur

Als Kind hat mich das Wort Untiefe (ein Wort aus den Büchern, nicht aus meinem wirklichen Leben) immer irritiert. Es bedeutet das Gegenteil von Tiefe, also Seichtheit; dennoch schien eine Untiefe gefährlicher als jede Tiefe. Gleichzeitig konnte das Wort auch tiefer als tief bedeuten. So wie eine Unzahl etwas gar nicht mehr Zählbares evoziert, so evoziert die Untiefe einen gar nicht mehr messbaren Abgrund. Der Abgrund und die Seichtigkeit berühren einander.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Thomas Stangl.
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Chance der Verletzlichkeit

Vulnerabilität war vor Kurzem noch ein unbekannter Zungenbrecher. Aber dann kam die Corona-Pandemie und allerorten zeigte sich die Notwendigkeit, über Verwundbarkeit und die besonders vulnerablen Gruppen zu sprechen. Zudem brachten die islamistischen Terroranschläge in Paris, Nizza und Wien die Verwundbarkeit offener Gesellschaften auf die Agenda. Kein Wunder, dass der Zungenbrecher Vulnerabilität 2020 in die Alltagssprache einging.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Hildegund Keul.
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Gefühlt war 2020 das Jahr, in dem die österreichische Gesellschaft zum ers­ten Mal nach fast zwei Jahrzehnten Schwarze Menschen als Thema entdeckt hat. Dabei fällt jedoch auf, dass Schwarze Menschen immer nur dann relevant für die Mehrheitsgesellschaft und die Medien zu sein scheinen, wenn Morde geschehen.  Denn es ist relativ einfach, eine Timeline zu erstellen, die große Diskurse rund um das Thema Schwarzsein in ­Österreich anzeigt.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Vanessa Spanbauer.
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Antisemitismus: Es ist nie ganz weg, was war

Als der ORF 1986 „Shoah“ von Claude Lanzmann ausstrahlte, gab es begleitend einen Club 2. Unter den Gästen saß eine ältere Frau, die in ihrer Jugend Nationalsozialistin gewesen war und die sich selbst als schon lange „bekehrt“ bezeichnet hat. Und das war sie auch. Sie lehnte in ihren Wortmeldungen den Antisemitismus entschieden ab und wollte auch die Menschen zu Hause davon überzeugen, dass dies ein schrecklicher Irrweg sei. Doch einmal sagte sie zwischendurch ganz knapp: „Aber eins sag ich Ihnen auch: Die Juden sollen nicht wieder frech werden.“ Anschließend war sie wieder bekehrt.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Peter Huemer.
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Wo Europa wegschaut

Jakob Frühmann würde genau ins Beuteschema des Papstes passen: Es soll ja immer wieder mal vorkommen, dass Franziskus überraschend „normale“ (Christen-)Menschen anruft, um ihnen zu sagen, dass sie super sind, er für ihren Einsatz dankt, sie in ihrem Christsein ermutigt, sie segnet… Frühmann wäre für so eine Papst-Fangschaltung prädestiniert. Vielleicht hat es Franziskus auch schon das eine oder andere Mal bei ihm versucht. Vergeblich. Frühmann ist schwer zu erreichen. Ein Jahr lang hat er sich von seinem Beruf als Deutsch- und Religionslehrer an einem Wiener Gymnasium beurlauben lassen. Im Sommer war er Teil der nautischen Crew an Bord der „Sea-Watch 4“ und auf Seenotrettungsaktion im Mittelmeer; derzeit betreut er junge Erwachsene auf dem Schulschiff „Thor Heyerdahl“ im Atlantik.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Wolfang Machreich.
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Unheilbare Wunden

Die zeitgenössische heimische Filmgeschichte ist voll von Beispielen, wie sehr der Themenkomplex Migration, Flucht und Vertreibung auf die inhaltliche Ausgestaltung des Filmschaffens eingreift. Man kann sagen, es handelt sich um einen immanenten Bestandteil der heimischen Filmkultur, die ja schon von ihrer Genese her Vertreibung und Flucht thematisierte. In dem 1924 von Hans Karl Breslauer gedrehten Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ , der auf Hugo Bettauers zwei Jahre zuvor erschienenem Roman basiert, der wiederum die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Wien beschreibt, ist ebendiese Vertreibung noch eine Dystopie; kaum vorstellbar war damals, dass sie einmal Realität werden sollte, wiewohl die Stimmung gegen Juden in Wien schon um die Jahrhundertwende einen Höhepunkt erreicht hatte.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Matthias Greuling.
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Was wir hinnehmen

Lieber Felix,

lange wird es nicht mehr dauern und du wirst die Antworten, die ich dir anbiete, anzweifeln. Das hoffe ich zumindest. Denn dann bist du zu einem kritischen Geist geworden. Und das wünsche ich mir für dich. Gleichzeitig schmerzt der Gedanke, dass ich dich nicht vor der Erkenntnis werde bewahren können, dass in dieser Welt Unrecht geschieht Doch vielleicht findest du eines Tages Antworten auf Fragen, denen ich ratlos gegenüberstehe.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Brigitte Quint.
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Ankerplatz

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Häfenelegie

An Sie, die lesenden Seefahrer, oder sollte man lieber sagen die navigierenden Leser: Vielleicht sind Sie schon zu einigen Zielen auf der FURCHE-Seekarte vorgedrungen auf den vorderen Seiten, um hie und da zu kreuzen und Ideen, Gedanken, Bilder aufzunehmen. Hier nun empfängt Sie ein Ort der Ruhe und Sicherheit – vorgeblich aber nur. Tatsächlich verhält es sich ja so, dass die Horte der größten Ruhe und des allersichersten Schutzes unter Umständen die unheimlichsten sind. Man denke nur an Friedhöfe und Banken und – wenn es nach Sigmund Freud geht – an den Mutterschoß. Das Gleiche muss auch von Häfen gesagt werden, den scheinbar sichersten aller Ankerplätze.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Oliver Tanzer.
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Erhard Busek: Heimat als Anker

Wie viel Demokratie haben und brauchen wir noch, um uns beheimatet zu fühlen? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es vor einem Vierteljahrhundert noch einfacher war, selbst bei der oft gebrauchten und missbrauchten Zuschreibung „Heimat“ Orientierung zu finden. Eine Lehre der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts war und ist die Hinwendung zu Europa, die trotz aller Diskussionen alternativlos ist.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Erhard Busek.
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Vertrauen

Das Gespräch führte Doris Helmberger 
Video: Margit Körbel
Fotos: Carolina Frank
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Es ist fast zum Verzweifeln. Dreimal muss dieses Gespräch verschoben werden: Zuerst kommt ein anderer Termin dazwischen, dann kommt der Gastro-Lockdown – und schließlich der Terror.

Doch am Ende sitzen einander die beiden doch noch gegenüber: die Ordensfrau Beatrix Mayrhofer und der Psychologe Georg Fraberger. Statt auf dem barrierefreien „Badeschiff“, das am Donaukanal vor Anker liegt und ursprünglich als Treffpunkt vorgesehen war, trifft man sich nun im Kloster der „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Hier wohnt Sr. Beatrix gemeinsam mit 16 Mitschwestern; gleich nebenan, im Schulzentrum Friesgasse, war sie 18 Jahre lang Direktorin – und zudem bis Ende 2019 Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs.

Georg Fraberger betreut normalerweise neben den Klienten in seiner privaten Praxis auch Patientinnen und Patienten auf der orthopädischen Abteilung im Wiener AKH. Doch wegen des Virus ist der fünffache Vater und Bestseller-Autor im Homeoffice. Zum Gespräch kommt er mit seiner persönlichen Assistentin über den barrierefreien Lieferanteneingang. Alles noch einmal gut gegangen.

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DIE FURCHE: Die komplizierte Vorgeschichte unseres Gesprächs ist symptomatisch für unsere Zeit: Von heute auf morgen brechen Sicherheiten weg, auf vieles ist nicht mehr Verlass. Tatsächlich folgt derzeit Krise auf Krise: Klima, Corona, Terror. Haben Sie selbst noch darauf vertraut, dass wir uns persönlich treffen können?

Sr. Beatrix Mayrhofer:
Doch, ich war ganz sicher. Wenn ich immer darüber nachdenke, warum etwas nicht sein kann, bringt mich das ja nicht weiter. Ich bin zuversichtlich und weiß: Das soll so sein – und dann wird es auch so sein.

Georg Fraberger:
Das ist genau der Punkt: Wenn ich mich selbst einschränke, weil mir alles zu viel wird, kann ich ja letztlich überhaupt nicht mehr leben. Deshalb kann und muss ich vertrauen.

DIE FURCHE: Insbesondere die Pandemie hat viele Menschen erstmals in eine existenzielle Krise gestürzt. Inwiefern erschüttert sie die Vertrauensbasis in besonderer Weise?

Fraberger:
Insofern, als wir uns durch die Wissenschaft in einem gottähnlichen Status gewähnt haben, alles unter Kontrolle bringen zu können: Wir konnten überall hinfahren, überall hinfliegen – und die Frage der Sicherheit war mehr oder weniger eine Frage des Geldes. Jetzt zeigt uns dieses Virus, dass wir keineswegs alles kontrollieren können. Außerdem ging es ansonsten oft um die Frage: Welche Menschen können wir kontrollieren? Das Virus wirft nun aber die Frage auf: Wer spielt da mit uns?

Mayrhofer:
Die Gesundheit ist für viele natürlich eine besondere Sorge. Auch für unsere Gemeinschaft mit überwiegend älteren Schwestern. Aber letztlich ist die drohende Klimakatastrophe natürlich die größere Krise, auch wenn wir auf sie jetzt völlig vergessen. Es gab zuletzt gewaltige Stürme auf den Philippinen, bei denen viele Menschen alles verloren haben – aber das kommt in unseren Nachrichten kaum vor.

Fraberger:
Der psychologische Verdrängungsmechanismus funktioniert eben. Bevor uns alles zu viel wird, denken wir lieber nicht daran.

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DIE FURCHE: Vertrauen ist der Klebstoff der Gesellschaft, heißt es. Und dieser Klebstoff funktioniert besonders über körperliche Nähe: Bei Berührung – etwa beim Stillen – wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Im Umkehrschluss heißt das, dass das Virus mit seinem Zwang zum Abstand Vertrauen doppelt untergräbt. Wie erleben Sie selbst den Konnex von Vertrauen und Nähe?

Fraberger:
Ich selbst muss vertrauen, weil Behinderung braucht besondere Nähe: Wenn mich jemand anziehen muss, dann muss ich diese Nähe zulassen. Und dafür muss ich derzeit vertrauen, dass mich der andere nicht ansteckt. In der Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten ist das aber schon bitter. Viel geht über Video, aber es geht nur halb so gut. Und wenn jemand dasitzt und in seine Maske hinein weint, dann ist das eine Schande. Zugleich führt das Virus durch das gemeinsame Leiden auch wieder zu einer neuen Form von Nähe. Die gemeinsame Geschichte schweißt zusammen.

Mayrhofer:
Ich vermisse sehr den Handschlag – und die Möglichkeit, anderen Menschen nahe zu sein. Während des ersten Lockdowns und auch jetzt frage ich mich manchmal: Ist nicht der Schaden durch das Abstandhalten möglicherweise noch größer als die Krankheit selbst? Wobei ich die überhaupt nicht verharmlosen will. Dennoch gibt es Momente, in denen man auch jetzt einen Menschen umarmen muss. Letztens hat etwa eine alte Frau an unserer Kloster-Glocke geläutet, sie war völlig verwirrt, aber sie hat mich erkannt und gerufen: Schwester Beatrix! In so einer Situation nützt es nichts, wenn man einem Menschen sagt: Abstand! Da muss man ihn festhalten.

DIE FURCHE: Herr Fraberger, Sie arbeiten am AKH mit Menschen, die u.a. nach dem Verlust von Gliedmaßen in existenziellen Krisen sind. Inwiefern spielt bei Ihrer Arbeit Vertrauen eine Rolle?

Fraberger:
Die Klienten müssen mir vertrauen, wenn ich zu ihnen sage: „Wissen Sie, um glücklich zu sein, braucht man keine zwei Beine, ja nicht einmal ein Bein und wahrscheinlich auch keine Hand.“ Natürlich fragen sich viele in einer solchen Situation: Woraus besteht der Mensch? Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch eine Seele hat und eine Seele ist, dann kann man auch antworten: Gut, die Seele verliert nichts, wenn man ein Bein verliert, nur der Körper verliert etwas. Man mag es selber anders fühlen, aber wenn man uns beide anschaut, stimmt es schon: Wenn ich ein Bein mehr hätte, ich wäre für Sie derselbe. Und wenn Sie eines weniger hätten, wären Sie für mich auch dieselbe. Darauf kann man vertrauen.



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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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Sr. Beatrix Mayrhofer
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DIE FURCHE: Um vertrauen zu können, braucht es den Anker Urvertrauen. Aber wie entsteht er?

Fraberger:
 Ich könnte das anhand meiner eigenen Geschichte beschreiben. Das, worauf es ankommt, ist, ob man als hungriges Baby gesehen und dieses Bedürfnis gestillt wird. Und ich habe anscheinend großes Glück gehabt, dass mich meine Eltern so angenommen haben, wie ich bin. Dabei hat man meine Mutter unmittelbar nach meiner Geburt drei Tage lang mit Valium sediert – und mein Vater wurde gefragt, ob man ihr nicht besser sagen solle, ich sei gestorben. Wir glauben ja heute, man kann sich aussuchen, ob man ein behindertes Kind bekommen will oder nicht. Ich habe mittlerweile fünf Kinder, und bei jedem haben wir überlegt: Was machen wir, wenn es behindert ist? Auch die Ärzte haben meiner Frau geraten, eine Fruchtwasseruntersuchung zu machen. Aber sie hat sich gewehrt und gesagt: Schlimmstenfalls haben wir noch einen Rollstuhl zu Hause. Der Arzt hat nach einer Stunde Bearbeitung gesagt: Sie sind die erste Frau, die Nein sagt!

DIE FURCHE: Das erfordert viel Stärke – neben Vertrauen darauf, dass man Unterstützung erhält.

Fraberger:
 Natürlich. Auch meine eigene Mutter hat von meinem Großvater gelernt, sich selbst zu vertrauen – und darauf, dass man mit Zutrauen die Welt verändern kann: Wenn meine Mutter gesagt hat „Der kann das“, dann habe ich mich so lange bemüht, bis ich es tatsächlich konnte.

Mayrhofer:
Leider stimmt das umgekehrt auch: Wenn man jemandem etwas von vornherein nicht zutraut, dann kann er oder sie das auch nicht, dann zieht man diesem Kind den Boden unter den Füßen weg. Außer es ist ein enormer Kämpfer. Umso mehr wünsche ich mir von unserem Schulsystem, dass wir wegkommen von dieser Fehlerfixiertheit und uns eher wie im US-Schulsystem fragen: Was kannst du? Und was ist gut bei dem, was du gemacht hast?

DIE FURCHE: Wie oft haben Sie als Lehrerin bzw. Direktorin eigentlich erlebt, dass bei Kindern zu Hause dieser vertrauensvolle Rahmen vollkommen gefehlt hat? 

Mayrhofer:
 Das erlebt man als Pädagogin durchaus. Ich habe etwa ein hochfiebriges Kind in Erinnerung, bei dem wir uns bemüht haben, jemanden zu erreichen, der es abholen könnte. Bis wir draufgekommen sind: Der Vater ist zwar zu Hause, aber sie will nicht dorthin, weil sie Angst hat, dass sie wieder missbraucht wird. Das sind Extremsituationen, aber sie kommen vor.
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DIE FURCHE: Oft ist von Selbstvertrauen die Rede, aber eigentlich das Selbstwertgefühl gemeint. Worin unterscheiden sich diese Begriffe?

Fraberger:
Beim Selbstvertrauen geht es darum, dass ich mich kennenlerne und weiß, was ich kann und was nicht. Und wenn ich etwas nicht kann, dann kann ich etwa auch bestimmte Berufe nicht ergreifen: Eine Frau in meiner Praxis konnte etwa keine Stewardess werden, weil sie zu klein war. Beim Selbstwert geht es hingegen darum, sich zu sagen: Egal, was ich kann – ich habe immer denselben Wert. Doch das wird oft nicht vermittelt, immer wird verglichen. Wenn bei uns am AKH jemand ein Bein verliert, sagen wir hingegen: Gratuliere zum neuen Leben! Als Psychologe wie auch als Lehrkraft hat man die Macht, jemanden gesund oder krank zu machen.

Mayrhofer:
Die Gefahr, die wir aus vielen Klassen, aber auch Firmen und Büros kennen, ist dass Menschen andere erniedrigen müssen, um damit ihren eigenen Selbstwert zu erhöhen. Mobbing ist ein riesiges Thema. Hier braucht es ein ehrliches Arbeiten an mir selber und an den Kindern, die mir anvertraut sind: Woraus beziehe ich meine Stärke? Aus mir selbst oder aus dem Niederdrücken anderer?


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DIE FURCHE: Niederdrücken kann man Kinder auch, indem man ihnen so wenig zutraut, dass ihnen keine Luft zum Atmen bleibt. Warum Loslassen wichtig ist, hat Angela McAllister im Buch „Vertrau mir, Mama!“ verdeutlicht. Der kleine Ollie geht darin erstmals allein einkaufen und bekommt von seiner Mutter tausend Ratschläge. Geh auf direktem Weg ins Geschäft! Kürz nicht über den Garten des Nachbarn ab! Nimm die Hände aus den Hosentaschen! Doch unterwegs trifft Ollie Monster, Hexen und Außerirdische, vor denen ihn seine Mutter nicht gewarnt hat – und geht natürlich durch Nachbars Garten. Aber die Hände hat er nicht in die Hosentaschen gesteckt. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann“, sagt darauf die Mutter.

Fraberger:
Eine großartige Geschichte. Und sie macht auch den großen Nachteil des Handys deutlich, nämlich dass Kinder immer mit irgendjemandem in einer unsichtbaren Verbindung stehen. Man muss wirklich lernen, sich selbst zu vertrauen und zu sagen: Ich kann Probleme selbst bewältigen.

Mayrhofer: Ob das gelingt, hängt wie gesagt auch davon ab, wie angstfrei Eltern selber sein können. Ich bin aber eine große Anhängerin des zuversichtlichen Denkens: Jeder und jede muss zwar durch unwahrscheinlich viele Dinge durch, aber letztlich wird es gut werden. Das ist mein ganz tiefer Glaube.

DIE FURCHE: Im Vorjahr wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert. Hat das etwas an dieser Haltung, diesem Vertrauen ins Leben verändert?

Mayrhofer:
Ganz ehrlich, das ist ein Geschenk gewesen! Durch die Diagnose konnte ich meinen Terminkalender zumachen und sagen: Stopp, ich bin jetzt krank. Natürlich war die Chemotherapie ekelhaft. Aber ich hatte zugleich Zeit, nachzudenken. Und bei allem Elend, als die Chemo in mich hineingelaufen ist, so ist mir auch bewusst geworden: Da sitzen jetzt Leute für mich unten in der Giftküche und mischen mir das zusammen, was mir über die Krankheit hilft. Heute kann ich sagen: Ich habe den Krebs besiegt, ich nehme die Medikamente und habe meine Kontrolltermine. Aber es ist ein Stück Leben, für das ich letztlich dankbar bin.

Fraberger: Das so sehen und so vertrauen zu können, ist beeindruckend. Die große Frage für mich ist allerdings, wie eine solche Perspektivenänderung, dieser Blick auf das Wesentliche ohne Leiderfahrung möglich ist?

DIE FURCHE: Eine nicht minder große Frage ist, wie viel Vertrauen noch den (christlichen) Kirchen entgegengebracht wird. Im Rahmen von Detailuntersuchungen des Forschungsverbundes „Interdisziplinäre Werteforschung“ der Uni Wien zur Europäischen Wertestudie hat sich gezeigt, dass nahezu alle Institutionen in den letzten 30 Jahren ihre Vertrauenswerte steigern konnten – nur großen Wirtschaftsunternehmen und der katholischen Kirche ist das nicht gelungen. Was muss sich ändern, um Vertrauen wiederherzustellen?

Mayrhofer:
Die Kirche befindet sich insgesamt in einer schwierigen Phase. Und die Missbrauchsfälle haben das Vertrauen zusätzlich erschüttert. Doch während der Coronakrise ist wieder eine Zunahme des Vertrauens festzustellen. Ich selbst leide natürlich mit meiner Kirche. Aber ich vertraue zugleich darauf, dass immer wieder Neues entsteht.

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Sr. Beatrix Mayrhofer
war 18 Jahre lang Direktorin des Schulzentrums Friesgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk sowie bis 2019 Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs.

Georg Fraberger
arbeitet als Klinischer und Gesundheitspsychologe am AKH Wien sowie in freier Praxis. Sein Buch „Ohne Leib mit Seele“ (Ecowin 2013) über sein Leben ohne Arme und Beine wurde ein Bestseller. Zuletzt erschienen: „Erfolgreich lieben“ (Residenz 2019).
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Flirrendes schwebendes Kollektiv

Ich weiß. In Frankreich wurde ein Lehrer enthauptet, weil er anhand von Mohammed- Karikaturen über Meinungsfreiheit sprechen wollte, und in Wien randalierten daraufhin Jugendliche („südländische“, hieß es in den Medien) in einer Kirche. Ja, ich weiß. Während Ihr Siebzehnjähriger online zu Hause unter richtet wird, teilen sich vier Kinder einer Familie im weniger schicken Nachbarbezirk einen Computer (oder keinen). Denken Sie bitte trotzdem zu Beginn mit mir an Beethoven. Nur kurz.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Katharina Tiwald.
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Gehend, steigend, kletternd ankern

Von den antiken Philosophen über Jesus bis Hape Kerkeling, davor und danach und immer gilt: Wenn nichts mehr geht, dann geh! Und ist es nicht möglich, sich gehend, laufend, steigend auf den Weg zu machen, der Enge zu entkommen, den psychischen und physischen Kerkern zu entfliehen, dann hilft Viktor Frankls „Trotzmacht des Geistes“, um es hinaus in die Weite, hinauf in die Höhen zu schaffen.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Wolfgang Machreich.
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Die letzte Bastion

Dampfmaschine, Röntgenstrahlen, Penicillin, unzählige Erfindungen, großartige Entdeckungen und hoffentlich auch bald ein Impfstoff gegen Corona lassen sich am Konto naturwissenschaftlicher Forschung verbuchen. Es ist einleuchtend, dass der empirische und analytische Geist der Naturwissenschaften für viele Sternstunden der Menschheit verantwortlich ist. Und dabei auch viel Leid und Übel verhindert hat, indem Infektionskrankheiten und andere Plagen ausge­rottet wurden. Was die Geisteswissenschaften im Vergleich dazu leisten beziehungsweise was der Nutzen und Wert von Philosophie, Theologie, Geschichte, Literaturwissenschaft & Co. genau ist, das wird vielen Zeitgenossen immer unklarer. Speziell jenen, die herablassend von „Orchideenwissenschaften“ sprechen.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Martin Poltrum.
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Leuchtfeuer

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Interview mit Jürgen Manemann

In den Umbrüchen der Zeitläufte steht auch die Rolle der Religion in Diskussion. Der Rede vom „christlichen Europa“ haftet etwas Vergangenes an, und die Gegenwart der Pandemie beschleunigt die gesellschaftlichen Transformationsprozesse immens. Das konstatieren Zeitdiagnostiker aller Couleur. Aber wenn sich Europa nicht auch über die Religion definiert, was tritt an deren Stelle? Und welche Zukunft hat dann das Christentum? Die FURCHE sprach darüber mit dem Theologen und politischen Philosophen Jürgen Manemann, Schüler und Denker in der Nachfolge des im Vorjahr verstorbenen Begründers der „Neuen Politischen Theologie“, Johann Baptist Metz.

Weiterlesen: Zum Interview mit Jürgen Manemann.
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Die Natur ist der Schlüssel

Zweitausendzwanzig begann, auch wenn man sich das kaum vorstellen kann – mit einer angenehmen Überraschung. Jedenfalls für die Leserinnen und Leser der Volkskrant, die am 2. Jänner erstmals im neuen Jahrzehnt ihre Zeitung aufschlugen und dort auf folgende Schlagzeile stießen: „Die Niederlande sind 2120 sauber und grün.“ Auch die Details ließen aufhorchen: „Doppelt so viele Wälder und zwei Drittel weniger Nutzvieh“ werde es geben, und das Wachstum der Bevölkerung solle sich nicht auf die überfüllte westliche Agglomeration konzentrieren, sondern auf bislang weniger dicht besiedelte Gebiete im Osten und Süden.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Tobias Müller.
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Die Burschen haben zweifellos Talent. Nicht umsonst haben sie es in den Nachwuchskader der französischen Fußball-Nationalteams geschafft. Man sieht, wie sie trainieren und ihre Dribbelkünste bei einem Probematch unter Beweis stellen. Dazwischen gibt es Pausen, in denen sie nicht nur verschnaufen. Mit geschlossenen Augen stehen sie in einer Reihe und lauschen nach innen – oder auf die Worte von Mark Milton, der sie eben dazu anleitet. Mit seinem UEFA-geförderten Projekt „Master of your Emotions“ will der Gründer der Schweizer Stiftung „Education 4 Peace“ bei jungen Menschen die Fähigkeit zur bewussten Selbstwahrnehmung fördern. Und der französische Fußballbund war weltweit der erste Sportverband, der „Bewusstheit“ und „Selbsterkenntnis“ als zentrale Aspekte in sein Ausbildungsprogramm für jugendliche Spieler aufgenommen hat. Schließlich ist Fußball ein aufreibendes Spiel, das nicht selten zur emotionalen Achterbahnfahrt wird.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Martin Tauss.
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Die Vielfalt der Kulturen und das Sacre du Citoyen

„Willkommen bei den Sch’tis“ heißt eine französische Filmkomödie von 2008, die man im Internet noch anschauen kann. Darin geht es um den südfranzösischen Postbeamten Philippe Abrams, der seine berufliche Versetzung an die sonnige Côte d’Azur erschwindeln will, dabei jedoch auffliegt und darum in die Normandie gleichsam strafversetzt wird, in eine Normandie, in der es eiskalt ist und deren Bewohner – für südfranzösische Verhältnisse – sehr rustikal sein sollen. Als er mit dem Wagen aufbricht und im sonnigen Süden von seinen Freunden verabschiedet wird, bekommt er eine russische Fellmütze mit Ohrenklappen geschenkt. Er macht ein entsetztes Gesicht, als er sie auspackt. Als er hoch im Norden Frankreichs ankommt, regnet es in Strömen: Bonjour, Tristesse!

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Ulrike Guérot. 
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Europa in 75 Jahren

Auf Prognosen ist in Krisenzeiten kein Verlass. Immer größere Schwankungsbreiten machen auf Vergangenheitswerten aufbauende Vorhersagen so unsicher, dass sie von bloßer Wahrsagerei oft kaum mehr unterscheidbar sind. Gewiss scheint nur, dass nichts so bleibt, wie es nie war.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Wilfried Stadler.
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Zukunft der Zeitungen

Die in den letzten Jahren geschriebenen Bücher zum angeblich nahen Tod der Printmedien werden wir mit einigem Zeitabstand von heute vermutlich mit Amüsement bis Ärger noch einmal lesen. Auch die Prognose von Journalistik-Professor Klaus Meier, dass in Deutschland 2033 die letzte gedruckte Tageszeitung erscheint, wird nicht halten. Er hält sich freilich eine Tür offen, wie jeder kluge Wissenschafter: „Natürlich ist der Sinn solcher Berechnungen nicht die exakte Prognose eines Sterbedatums, sondern das Wachrütteln in der Gegenwart.“

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Fritz Hausjell.
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Interview mit Anton Zeilinger

Die Welt der Quantenphysik ist für Außenstehende schwer zu fassen. Mit seinen Aufsehen erregenden Experimenten ist es Anton Zeilinger gelungen, die Eigenheiten und Potenziale dieser Welt auch einem breiteren Publikum vor Augen zu führen. Der heute 75-Jährige ist emeritierter Professor an der Universität Wien und seit 2013 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wo er 2003 das Institut für Quantenoptik und Quanteninformation mitbegründet hat. Die FURCHE hat Österreichs bekanntesten Quantenforscher im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder zum Gespräch gebeten ("Wir beamen quer durch Wien", 1999; "Zufall ist faszinierend", 2004; "Die Technik ist schon sehr weit fortgeschritten", 2008). Das aktuelle Interview, das Corona-bedingt über Video-Schaltung stattfand, unternimmt einen weiten Streifzug, der diesmal auch über das Feld der Naturwissenschaft hinausführt.

Weiterlesen: Zum vollständigen Interview mit Anton Zeilinger.
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Kultur! Eine Ansage.

Dieses Jahr hat einige Begriffe an die Oberfläche gespült, über die es nachzudenken lohnt. Systemrelevant zum Beispiel. Was das System braucht, damit es nicht zusammenbricht, wurde im Zuge der Covid-19-Maßnahmen entschieden. Die Kultur gehört nicht dazu, war dabei zu erfahren, und das hat einige erregt, verständlicherweise vor allem die Kulturschaffenden selbst. Der eine oder andere Protest war zu hören, zumindest bis finanzielle Unterstützung floss. Danach und darüber hinaus blieb es seltsam still. Diese Stille in der Gesellschaft zeigt etwas, so wie auch die Kategorisierung durch Regierung und Parlament.

Weiterlesen: Zum vollständigen Text von Brigitte Schwens-Harrant.
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